Antrodignität – die Kunst würdevoller Beziehung

Zu Beginn einer Beziehung, egal, ob als Partner, Freund, Kunde oder Teammitglied, steht immer die Frage: wie zukunftsfähig passen wir zusammen? Denn nichts ist ja schlimmer, als eine Beziehung einzugehen und dann erst festzustellen, dass es einfach viel zu anstrengend ist. Das kostet dich als Unternehmer eine Menge Leergeld und als Mensch eine Menge Nerven.

Fangen wir damit an: Wie erkennt man, ob ein Mensch echtes Interesse an dir hat?

Wir versuchen, es mit Fragebögen und dem Abhaken der richtigen Antworten festzustellen. Aber das ist nur eine Krücke. Echtes Interesse, was ein Garant für zukünftiges Engagement, besondere Bindung und Loyalität ist, hat nichts mit gut vorbereiteten, recherchierten Antworten zu tun. Auch ein Mensch, der dich absolut nicht kennt, kaum eine Forderung erfüllt und sich vielleicht sogar etwas verrückt verhält, kann die beste Wahl sein.

Wie also dann? „Ich bin ein guter Menschenkenner.“ antworten wirklich erfolgreiche Menschen darauf. Und genau das ist es. Nur ist das ja leider nicht wirklich greifbar. 

Nähern wir uns dem in kleinen Schritten…

Für manche ist das Verstehen eines Menschen unfassbar schwer. Wer in seiner Kindheit kontradiktionäres Verhalten erlebte, missdeutet Handlungen und Signale. Ein schwammiges Bauchgefühl wird einfach schön geredet und mit den grünen Häkchen der Liste als unbedeutend abgetan, obwohl es dir eigentlich sofort ein Alarmsignal sein sollte. Oder dein Kopf macht dir ein ungutes Bauchgefühl, weil sein Kontrollwahn, Misstrauen, Pflichtgefühl, seine Ängste oder Enttäuschungen durchdrehen.

Was heißt kontradiktionär?

Kontradiktion bedeutet in diesem Kontext, gegensätzliche Signale zu erhalten: die Person sagt „Ich mag dich“, verhält sich aber ablehnend. Manche Menschen verhalten sich wie multiple Persönlichkeiten: in der Öffentlichkeit sind sie unfassbar freundlich und hilfsbereit, hinter verschlossener Tür verletzen sie dich. Oder umgekehrt.

Wer Missbrauch erlebte, erlernte noch mehr Verwirrung: bewusst missbrauchende Menschen wissen ganz genau, wie sie jemanden dazu bringen, sich vermeintlich freiwillig in eine gewaltvolle Situation zu bringen. So lernten die Betroffenen, manipulative Signale und die Bereitschaft zu Schmerz, Übergriffigkeit und Entwürdigung wären ein Zeichen von Liebe.

Diese Prägung führt dazu, dass sie sich zu Menschen hingezogen fühlen, die in Wahrheit nur mit ihnen spielen, sie emotional missbrauchen, hintergehen oder überhaupt gar kein Interesse haben. Doch auch sie selbst wenden unbewusst diese kontradiktionären Verhaltensmuster an, solange sie die Prägung nicht ins Bewusstsein bringen. Daher sind sie für gesund klar kommunizierende Menschen unattraktiv, anstrengend und verwirrend, weshalb diejenigen, die bereit und fähig sind, eine ernsthafte Beziehung auf Augenhöhe zu führen, Abstand halten. Und so bleiben sie in einem Kreislauf verletzender, enttäuschender Beziehungen.

Der gesunde Zustand, mit dem ausnahmslos jedes Baby geboren wird, ist ganz simpel: Worte, Handlungen und Körpersprache sind kongruent und drücken klar aus: will ich oder will ich nicht – du bist ok und ich bin ok.

Wer sich unabhängig vom Verhalten anderer geliebt und liebenswert fühlt, hat keine Angst, allein zu sein, und deshalb keine Angst vor einem Nein und ebenso keine Angst, nein zu sagen – und daher hat er auch keine Angst, frei raus zu sagen und zu zeigen, was er will. Jedes kontradiktionäre Verhalten ist Ausdruck von Bindungs- & Verlustangst und einem tiefen Minderwertigkeitsgefühl.

Ein Mensch, der dich will und mag, sagt das einfach. Da gibt es keine Spielchen, keine zu deutenden heimlichen Zeichen.

Die Person sagt einfach: „Hey, gibst du mir deine Nummer? Ich würd dich gern wiedersehen.“

Das gilt es, neu zu lernen.

Du musst dich nicht anstrengen, verstellen oder Gebärdensprache lernen. Die Frage ist ja: wen willst du als Partner? Willst du ernsthaft jemanden, bei dem es so kompliziert ist? Das bliebe ja in der Beziehung weiterhin so kompliziert, wenn die Person schon zu Beginn nicht aussprechen kann, dass sie dich (dein Unternehmen) will. 

Wer mit gesunden Beziehungen auf Augenhöhe und mit Selbstwert aufwächst, hat verinnerlicht, dass es ganz selbstverständlich ist, liebevoll klar zu sagen, was man will, braucht, denkt und fühlt. Das lernt man, wenn es die Eltern ganz entspannt in der Kindheit sagten und wenn man nicht emotional oder gewaltvoll für Äußerungen bestraft wurde. Es geht auch darum, entspannt mit Ablehnung umzugehen. Kommt natürlich vor, dass der andere Gefühle nicht erwidert und man dann entspannt sagt: „Hey, kein Ding. Ich geh dahinten tanzen, falls du’s dir anders überlegst.“. Symbolisch ist diese gelassene Reaktion auf alle Situationen zu beziehen. Das alles hat seinen Ursprung in der Kindheit, wie emotional unbelastet die Eltern kommunizieren und mit den Äußerungen des Kindes umgehen konnten.

Ob da Defizite sind, merkst du daran, dass jemand ins Drama geht: entweder emotional eskalierend oder emotionaler Rückzug. Nervig ist daran, dass das dann ständig in der Beziehung im Alltag auftaucht, weil Zusammenarbeit natürlich viele kleine und große Absprachen und Bedürfnisäußerungen braucht. Ich hätte z.B. überhaupt keinen Bock auf eine Beziehung, in der ich dem anderen ständig aus der Nase ziehen und möglichst hellsehen muss, was er in sich reinfrisst. Ein Mensch, der nicht entspannt aussprechen kann, was er sich vom anderen wünscht oder dass eine Handlung gerade ein merkwürdiges Gefühl ausgelöst hat und einfach nachfragt, wie das gemeint war, der produziert permanent extrem hohe emotionale Belastung in der Beziehung, die dann beide ständig hypersensibel und irgendwann einen ignorant macht, weil man einfach keinen Bock mehr hat, auf das Geheule des anderen Rücksicht zu nehmen, wenn der es nicht gebacken kriegt, zu sprechen und Lösungen für seine Probleme anzugehen. Man kann diese menschliche Unfähigkeit agil durch festgelegte tägliche Gesprächstermine ein wenig ausgleichen, aber 15 Minuten Daily sind nicht dazu da, die emotionalen Befindlichkeiten der letzten 24 Stunden jedes einzelnen zu besprechen. Gleichzeitig führt aber jedes Runterschlucken zu diesem merkwürdigen Schweigen und aus dem Weg Gehen untereinander und belastet das Arbeitsklima und die Leistungsfähigkeit. Es ist also unausweichlich notwendig, die eigenen Interpretationsmuster zu erkennen, eine liebevolle Deutung zu lernen und eine direkte, erwachsene Kommunikationsweise zu üben, in der niemand etwas persönlich nimmt, kleinredet oder ausweicht.

Ein gesunder Umgang mit einer liebevollen Ereignisdeutung lautet:

„Hey, ich schaff es heute doch nicht.“ Antwort: „Kein Problem. Wann hast du wieder Zeit?“ (Deutung: „Die Person hat viel zu tun, aber sie mag mich und freut sich, meinen Wunsch zu erfüllen / mich zu sprechen, und wird es rechtzeitig hinkriegen. Wie schön, dass ich jetzt Zeit habe, die ich anderweitig nutzen kann. Was zu erledigen ist, findet einen effizienten Weg und manches erledigt sich sogar von allein und braucht gar kein Zutun von mir, sodass ich ganz entspannt bleiben kann.“)

„Du hast vorhin die Augen so verdreht und das fühlte sich für mich sehr abwertend an. Ich weiß, dass du mich liebst und das nicht so ausdrücken wolltest. Was genau waren deine Gedanken dabei? Vielleicht kann ich etwas verständlicher ausdrücken oder besser machen. Dein Feedback würde mir total helfen.“ Antwort: „Klar, das ist mir gar nicht aufgefallen. Ich glaube, ich dachte dabei xyz….“ (Deutung: „Das Augenverdrehen war der Ausdruck abschweifender Gedanken, aber er hat mich lieb und wollte mich nicht verletzen. Es hat nichts mit mir zu tun. Für den Fall, dass ich etwas besser machen oder ihn bei einem Thema unterstützen kann, frage ich nach.“)

Was so verrückt ist bei Menschen: sie gehen immer davon aus, der andere würde etwas absichtlich und bewusst tun und wenn diese Handlung dann verletzend ist, machen sie Vorwürfe oder brechen den Kontakt ab. Aber 95% unserer Handlungen sind unbewusst. Und wie sie beim anderen ankommen und gedeutet werden, ist noch viel unkontrollierbarer. Wenn du also einfach davon ausgehst, dass der andere sich weder seiner Signale, seiner Handlungen und deren Wirkung vollends bewusst ist …und du ganz entspannt nachfragen kannst, statt in deinem Kopf in eine Interpretationsschleife zu gehen, wird dein Leben und eure Beziehung revolutionär entspannt und glücklich. Ich würde niemals eine andere Beziehung führen, wär mir viel zu anstrengend, ständig mit emotionalem Drama des anderen zu kämpfen, bloß weil der ein Augenzucken von mir als Kritik interpretiert und dann Eskalation statt Fragen wählt. Oder aus jeder Absage oder Planänderung oder fehlenden erwarteten Handlung ein Drama macht.

Kommunikation ist ganz simpel: sag einfach, was du dir wünschst, was du brauchst, denkst und fühlst. Und dann sei offen dafür, dass der andere sein Bestes tut, das zu erfüllen, und gleichzeitig ein Mensch ist und nicht alles immer schafft. Und dass ein Nicht-Erfüllen keine Ablehnung oder mangelnde Wertschätzung ist, sondern einfach seine Menschlichkeit, weil er viele weitere Pflichten und Themen im Kopf hat. Auf dieser Basis ist Beziehung ganz leicht, weil sich alles durch Sprechen lösen lässt.

Das sollte dein Anspruch sein, weil Beziehung nur dann Spaß macht. Wozu sollte ich Beziehung haben, wenn sie mein Leben nur anstrengender macht?

Was ist also zu tun?

Du fokussierst dich darauf, zu lernen, in jedem Moment über jedes Thema und jeden Gedanken entspannt und offen zu sprechen. Und dann suchst du dir den Menschen, der genau das seinerseits lernt. Beide tut ihr das unabhängig voneinander. Nicht aus Pflicht für den anderen, sondern weil ihr es für euch selbst tut, um ein entspanntes Leben zu haben. Auf der Basis macht Beziehung und Zusammenarbeit Spaß, weil beide in der Eigenverantwortung sind und es nicht dem anderen aufbürden, sich „geliebt“ zu fühlen.

Der Witz ist: diese Kompetenz, einfach nachzufragen, Wünsche und Bedürfnisse auszusprechen, liebevoll zu verzeihen, fröhlich eigenständig den Tag zu gestalten, statt zu interpretieren, Vorwürfe zu machen und das eigene Glück vom Verlauf des Tages und Handlungen anderer abhängig zu machen, hat nichts mit dem Alter zu tun. Ich erlebte auch schon über siebzigjährige Autoren, die Fachbücher über Beziehung schrieben – und als ich mich aber nach dem Treffen nicht sofort meldete, um noch mal meinen Dank auszusprechen, erhielt ich direkt Vorwürfe. Natürlich bin ich wertschätzend darauf eingegangen, aber aus der Perspektive, ob ich diesen Menschen für beziehungsfähig halte, muss ich ganz klar sagen: nein.

Ich weiß natürlich, dass auch dieser Mensch mit seiner Patzigkeit in Wahrheit eine (väterlich) liebende Hoffnung an mich hatte, die ich dann enttäuschte, also reagierte er kontradiktionär. Gesund wäre gewesen, mich einfach anzurufen oder alle Erwartungen loszulassen und sich dann umso mehr zu freuen, wenn ich eine Woche später anrufe. Da hätte er entweder einfach glücklich sein können über meinen Anruf oder mir sagen können: „Leonie, ich hab mich dabei erwischt, zu hoffen, dass du dich direkt am nächsten Tag meldest und wir noch einmal kurz über unser Treffen sprechen. Ich war dann etwas enttäuscht, dass du nicht angerufen hast. Ich weiß aber, dass das nicht deine Pflicht ist und dass du sicherlich viel zu tun hattest, weshalb du nicht dazu kamst. Und auch, wenn du dich nie mehr gemeldet hättest, wäre das absolut in Ordnung gewesen. Ich fand aber unser Gespräch wirklich toll und würde mich sehr freuen, weiter mit dir im Austausch zu bleiben.“ So klingt gesunde, kongruente Beziehungsfähigkeit. Das gilt übrigens auch, wenn jemand Geld für die Zusammenarbeit gezahlt hat oder in einer Autoritätsposition ist. Eine getätigte Zahlung, ausstehende Geldforderung, Hierarchie, Abhängigkeitsverhältnis oder enttäuschte Erwartung berechtigen niemanden, einen Menschen entwürdigend, besitzergreifend, bevormundend oder bedrohend zu behandeln.

Ich möchte noch auf einen Aspekt eingehen, der dir viel Schmerz ersparen wird, wenn du von Anfang an darauf achtest und ein Mensch diese Kompetenz mitbringt und/oder mit dir trainiert. Sie ist aus meiner Erfahrung die allerallerallerwichtigste für die Zukunftsfähigkeit einer Beziehung, weil sie einen inneren Prozess voraussetzt, den jeder Mensch nur allein oder durch die innere Vorarbeit seiner Eltern erlangen kann und für einen Menschen mit Selbstwert sonst früher oder später ein Trennungsgrund wird.

Ich erzähle dazu ein wenig von mir, weil das interessant ist, um zu verstehen, warum ich eine andere Perspektive als viele andere habe: ich habe familiären Selbstwert. Beziehung wird extrem stark durch unser Minderwertigkeitsgefühl beeinflusst: je geringer der Selbstwert, desto empfindlicher reagiert ein Mensch. Mangelnder Selbstwert führt dazu, dass ein Mensch ständig äußere Signale als Abwertung interpretiert und Liebesbeweise fordert, um seine Panik, nicht gut genug zu sein, zu beruhigen. Je stärker sich ein Mensch in einem Umfeld befindet, das seinen Selbstwert strapaziert und sein Minderwertigkeitsgefühl triggert, desto empfindlicher wird er: z.B. ein Arbeiterkind unter Akademikern, ein Ostdeutscher unter Westdeutschen, ein Hauptschüler unter Abiturienten, ein Ausländer unter Einheimischen, ein Angestellter unter Unternehmern, ein Untergebener unter Führungskräften, ein Alleinerziehender unter Verheirateten, ein Kinderloser unter Eltern, eine Frau unter Männern, ein Legastheniker unter Lesenden, ein Dicker unter Dünnen, ein Introvertierter unter Extrovertierten, ein Veganer unter Fleischenthusiasten, ein Single unter Pärchen – exakt genauso aber auch umgekehrt, z.B. ein Unternehmer in einer Gruppe überzeugter Angestellter, ein Dünner unter überzeugten Dicken, ein Fleischesser unter überzeugten Vegetariern etc.. Und leider sind unser Schulsystem und frühere Erziehungsmethoden bis heute stark darauf ausgerichtet, einem Kind direkt oder indirekt seine Minderwertigkeit vorzuhalten und zur entscheidenden Erfolgsgefahr zu erklären. Diese schwächenbasierte, fehlerfokussierte, bestrafende Prägung steckt in uns allen. Es heißt nicht: „Ja, da hast du eine Schwäche, aber wir bauen jetzt deine Stärken aus, sodass das völlig in Ordnung ist und du absolut perfekt bist.“ Es heißt leider aktuell immer noch oft: „Da bist du schwach, das müssen wir jetzt mühsam aufarbeiten, weil ja sonst nichts aus dir werden kann.“ Es geht noch weiter: eine Mehrheit der Kinder fühlen sich unsichtbar und hässlich. Wenn nun ein solcher Mensch plötzlich Komplimente bekommt, fallen diese auf einen Nährboden tiefer Minderwertigkeit und führen dazu, dass sie extrem leicht manipulierbar sind, weil tief in ihnen etwas extrem nach Wertschätzung und Aufmerksamkeit lechzt. Deshalb gehen sie Beziehungen (genauso wie Arbeitsverhältnisse) ein, die in Wahrheit von Anfang an erkennbar destruktiv oder unpassend waren, aber von anfänglichen Schmeicheleien und Hoffnungen überblendet wurden. Lustig ist jetzt allerdings, dass wir es so sehr gewöhnt sind, dass sich Menschen minderwertig fühlen, dass wir mittlerweile jedem unterstellen, aus diesem Motiv der emotionalen Bedürftigkeit zu handeln. Genau deshalb erzähle ich jetzt kurz etwas über mich, um noch einmal deutlich zu machen, dass ich natürlich ebenso Minderwertigkeitsgefühle als Kind erlebte, aber dieser familiäre Selbstwert einen entscheidenden Unterschied ausmacht. Ich bekomme seit frühster Kindheit Liebeserklärungen, Komplimente und Anerkennung von Männern, Frauen, Jüngeren, Gleichaltrigen und Älteren. Mein Vater und Zieh-Opa waren bedeutsame Unternehmer und setzten mich schon als kleines Mädchen neben sich an den großen Tisch und sagten voller Stolz, wie intelligent, hübsch und mutig ich sei. Wenn meine Mutter fand, ich würde unterschätzt, rannte sie zum Lehrer und erzählte ihm, ich sei auf jeden Fall mathematisch begabt, weil wir studierte Mathematiker in der Familie haben (dieser Zusammenhang ist seeeeeeeehr weit hergeholt, um eine Auswirkung auf meine Intelligenz zu erklären :D). Weil ich genau das von ihnen hörte, ihren Stolz sah und fühlte, verinnerlichte ich dieses Selbstbild tief in mir. Aus diesem Glauben „Ich bin intelligent, hübsch und mutig“, gepaart mit der Tatsache, dass ich als (Hoch)Deutsche mit einem hohen Grad an äußerlicher Idealerfüllung in Deutschland in einer stolzen Akademiker-Unternehmer-Familie aufwuchs (weshalb Menschen durch den Halo-Effekt in meiner Kindheit vorurteilsfrei auf mich eingingen) sowie ich in einer Zeit und im Westen lebte, wo Frauen bereits erkämpft hatten, dass man Mädchen etwas zutraut, entstand völlig unbewusst eine selbstbewusste Ausstrahlung, der Mut zur eigenen Meinung und die Selbstverständlichkeit, andere zu ermutigen, was viele Menschen beeindruckt, aber manchmal auch mit Liebe verwechseln lässt. Ich musste mich daher früh fragen, was wirklich „Liebe“ ist (im abstrakten Beziehungssinn) und mit wem ich wirklich eine Beziehung, welcher Art auch immer, eingehen möchte. Durch dieses Überangebot und zugleich immer wieder Enttäuschungen, die ich schon als Kind erlebte, entschied ich sehr früh, dass mir mein innerer Frieden heilig ist und ich lieber allein und frei bin, als mir Drama, Besitzergreifung oder Bevormundung anzutun.

Sehr viele Menschen fühlen sich nur vollwertig durch andere, deshalb klammern sie sich an Beziehungen und haben panische Angst vor Trennung. Allein brechen sie emotional zusammen. Ich fühle das selbstverständlich auch, aber schon sehr früh erlebte ich das Alleinsein als zutiefst befreiend und wundervoll und deshalb ist die Freude über das Alleinsein viel stärker als die Angst davor. Diese Dynamik ist wichtig, zu verstehen: Wer erlebt, dass er allein super klarkommt, wählt Beziehung nur aus Freude, nicht aus Not oder Pflicht. Man kann das so sehr auf die Spitze treiben, dass man sein ganzes Leben darauf ausrichtet, Selbstversorger bis zur Nahrungsquelle zu sein – vollständige Unabhängigkeit und dadurch auch sehr weite Unmanipulierbarkeit. Das verändert die Argumentationskette und erhöht die Bedeutsamkeit der menschlichen Ebene: wenn Geld und Existenzsicherung keine Argumente (Angst) mehr sind, fordert der Mensch echtes partnerschaftliches Miteinander und Eigenverantwortung jedes einzelnen. Deshalb erlaube ich es mir, ganz bewusst zu definieren, wann und wie mir Beziehung Spaß macht und wann ich lieber mit einer KI oder gar nicht rede. So denkt ein Mensch mit Selbstwert. Das sind wir nur leider so selten gewöhnt, dass es bei vielen gar nicht im Bereich des Vorstellbaren vorkommt. Aber es sollte unser aller Ziel sein, dass alle Menschen Eigenständigkeit und Selbstwert entwickeln, also ist es essenziell, zu verstehen, wie ein eigenständiger Mensch mit Selbstwert denkt, um seine Handlungen zu verstehen und sie nicht als Egoismus, Arroganz, Abwertung oder unterschwellige Bedrohung zu beschimpfen und zu unterdrücken, denn das sind sie nicht – es ist gesund! Das versteht man aber nur, wenn man begreift, dass sich ein Mensch mit Selbstwert anders verhält als ein Mensch im Minderwertigkeitsgefühl.

Also wie denkt ein Mensch, der von sich überzeugt ist, intelligent und ernstzunehmend zu sein? 

Ich hasse es wie die Pest, wenn mich jemand herablassend wie ein inkompetentes, naives, Mist redendes Kleinkind behandelt. Genau das habe ich aber immer wieder insbesondere von Männern im beruflichen Kontext erlebt. Manch einer hört sich gern selber reden (aus einem Minderwertigkeitsgefühl, weil sie tief in sich verinnerlichen mussten, schwach zu sein, wenn sie nicht das Wort führen und ihre Macht und Überlegenheit zum Ausdruck bringen) oder sie machen unwissentlich Kommentare, wie „Lass mich mal, das dauert ja ewig bei dir“, „Ich mach das lieber“, „Das ist doch dummer Quatsch“, „Das ist aber ganz schön arrogant von dir, du hast doch gar nichts so wie er vorzuweisen“, sie fallen einfach ins Wort, sie übersehen einen einfach, sie überhören das Gesagte – durch unsere gesellschaftliche Prägung, die Frauen bislang nicht in Führungspositionen ernst nahm und sich deshalb in jedem von uns wie ein blinder Fleck, deutlich größere Vorurteile und unbewusst abwertende Umgangsweisen zum Ausdruck bringt, besteht die besondere Kunst darin, einer Frau zuhören, ihr vertrauen, sie ernst nehmen und als kompetent anerkennen zu können. Ich betone hier „Frau“, auch wenn es schlussendlich für jeden Menschen gilt, weil wir besonders stark im kollektiven Glauben leben, besonders Frauen könnten weniger analytisch, mathematisch, technisch, räumlich, politisch, ökonomisch etc. denken, also gerade den Bereichen, die gesellschaftlich für Führung relevant sind, weshalb Frauen länderübergreifend für Führungspositionen viel stärker mit Vorurteilen konfrontiert werden und ihre Kompetenz beweisen müssen als Männer. Und das ist auch verständlich! Denn es ist noch immer ein Teil der Wahrheit, weil immer noch viele Frauen sogar tatsächlich von sich selbst behaupten und diese Realität „Ich kann nicht rechnen, einparken, politisch argumentieren etc“ schon als kleines Mädchen einfach akzeptieren und diese Tätigkeitsfelder Männern überlassen. 2008-2013 war ich unter 100 Studierenden der Wirtschaftsinformatik nur eine von 5 Frauen im gesamten Jahrgang. Es ist also nur logisch, dass man immer noch skeptisch gegenüber der Kompetenz von Frauen ist. Gleiches gilt aber natürlich für alle Gruppen, die man nie bis selten in Führungspositionen erlebte, nur ist der Mann-Frau-Unterschied ganz besonders stark. Die Kompetenz des anderen anzuerkennen und entsprechend mit dem Gegenüber umzugehen, an diesem Punkt scheitern viele Menschen allerspätestens dann, wenn sich ein aus ihrer Sicht minderwertigeres Kompetenzgegenüber erdreistet, sich in ihrem eigenen Kompetenzfeld ebenfalls für kompetent zu halten oder eigenmächtig Entscheidungen zu treffen. Nicht aus böser Absicht, sondern immer dann, wenn die Personengruppe historisch neu in einer Führungsposition ist – denn dann tun diese Personen logischerweise Folgendes: sie gucken sich Führung bei Männern ab, aber leider, leider, leider wirkt es total scheiße, wenn sich bspw. eine Frau wie ein solcher Mann verhält, weshalb genau das, was bei diesen Männern zu Applaus und Kameradschaft führt, bei Frauen für Distanzierung sorgt. Wenn sie männlich aussieht und sich hart wie ein Mann verhält, wird es zwar als Führungsverhalten akzeptiert, aber dann geht innerhalb einer Partnerschaft jede Körperlichkeit flöten und innerhalb von Frauenfreundschaften das Gefühl der Augenhöhe verloren. Ich erwähne das hier, weil ich es für sehr bedeutsam halte, den Menschen nicht nur als Arbeitstier sondern als Ganzes zu betrachten und sein natürliches Bedürfnis nach Verbindung im Privatbereich wichtig ist, um nicht erneut einen Mangel und Minderwertigkeitsgefühle aufzubauen. Während Überlegenheit oder ein Machtgefälle bei Männern als attraktiv (und somit Partnerschaft fördernd) wahrgenommen wird, wird es bei einer Frau zur personifizierten Unattraktivität. Auch Frauen verhalten sich ab einem bestimmten Punkt abwertend, vorurteilsbehaftet und aggressiv mit Neid, Konkurrenzkampf, Gehässigkeit und emotionaler Manipulation, wenn ihr Minderwertigkeitsgefühl, ihre Verlust- oder Existenzangst durchdrehen. Bei ihnen geschieht das im Kampf um eine Position oder  im privaten Bereich – Männer streben durch ihre gesellschaftlich erwartete Versorgerrolle mehrheitlich von Beginn an ein eigenständiges Leben an und bauen dabei Selbstwert auf, der Frauen fehlt, die immer noch gesellschaftlich sehr oft einfach nur auf die Rolle als (Teilzeit arbeitende) Ehefrau hinarbeiten. Der Feminismus war hier nicht nur förderlich, er erschuf auch tiefe Abgründe: wenn sie sich existenziell bedroht fühlen, verhalten sie sich plötzlich trotz jahrelang vertrauter Partnerschaft im Namen der Rechteeinforderung (Unterhaltszahlungen, Zugewinnaufteilung etc.) gehässig, während sie ausblenden, wie sie gerade jegliche Eigenverantwortung für eine Situation leugnen und etwas einfordern, das ihnen zwar heutzutage rechtlich zusteht, aber im Sinne einer Beziehung auf Augenhöhe jede Fairness und Anerkennung gegenseitiger Leistung im Laufe der Zusammenarbeit ignoriert. Ebenfalls nicht mit böser Absicht. Es ist nur gesellschaftlich mittlerweile sehr etabliert, mit verbissenem Kampf ums eigene Recht zu reagieren, also wird dem im Falle eines rechtlichen Freifahrtscheins, wie einer Scheidung oder Chef-Mitarbeiter-Verhältnis, freien Lauf gelassen.

Ich nenne diese Kompetenz: Antrodignität – von anthropos (Mensch) und dignitas (Würde, Geltung, Ansehen).

Die Kompetenz, einem Menschen die volle professionelle und intellektuelle Würde zuzugestehen, ihn als Experten & Vertrauensperson zu behandeln, unvoreingenommen Gehör zu schenken und seine Handlungsempfehlungen unvorbehaltlich umzusetzen, während man selbst in der vollen Eigenverantwortung für das Ergebnis bleibt.

Dies ist für mich die höchste Form der Beziehungsfähigkeit, die zwei Menschen einander entgegenbringen können. Als Mensch mit Selbstwert arbeitest du mit niemandem und führst auch mit niemandem eine wirklich persönliche Beziehung, der dir diesen Respekt und Freiraum nicht entgegenbringen will. Wer einem Kind und jüngeren Menschen antrodignitäre Würde entgegenbringt, erfüllt das höchste Maß an Antrodignität, denn es setzt voraus, das eigene Ego mit seinem Zwang nach Besserwissen, Rechthaben, Kontrolle, Dankbarkeitseinforderung und Machtgefühl so sehr geheilt zu haben, dass man nicht mehr in einen Kompetenzstreit oder Ergebnisvorwürfe zu einem anderen Menschen gehen muss – und das macht die Zusammenarbeit maximal konstruktiv, zielführend und empowernd.

Zusammenfassend lässt sich sagen: das Reaktionsmuster eines Menschen mit Selbstwert lautet bei Frustration „Jetzt erst recht! Ich beweis dir, wie fähig ich bin! Das ist eine geniale Herausforderung!“, während bei einem Menschen mit Minderwertigkeitsgefühl „Dann bin ich wohl falsch und unfähig, ich lass es bleiben/dem würge ich extra was rein aus Rache“. Wir alle haben immer Bereiche, in denen wir uns minderwertig(er) fühlen. Wenn ich neben einem promovierten Mathematiker stehe, bin ich definitiv ein Loser – entscheidend ist: sind mir meine Minderwertigkeiten bewusst und habe ich damit Frieden gefunden, sodass ich darüber herzhaft lachen, offen sprechen und sowohl mit schlaueren als auch weniger intelligenten Menschen herzlich zusammenarbeiten kann. Wenn du diese Dynamik nicht berücksichtigst, vergraulst du jeden Menschen mit Selbstwert und/oder missverstehst Menschen mit Minderwertigkeitsgefühl. Schlimmstenfalls nimmst du auch noch ihre enttäuschte Reaktion persönlich, statt zu verstehen, wieso dein gesellschaftlich geprägtes Verhalten bei ihnen für Verletzung sorgte. Oder du interpretierst ihr Verhalten als Ausschlusskriterium und verzichtest auf wirklich tolle Menschen an deiner Seite. Und jetzt bin ich ganz ehrlich: wenn du in einer Führungsposition herausstechen willst, dann erwarte ich von dir, dass du dieses Menschenverständnis erlernst, denn in deiner Rolle kannst du nicht von anderen erwarten, sich jedes Minderwertigkeitsgefühls bereits bewusst zu sein – DU hast hier zu führen und adaptiv auf dein Gegenüber einzugehen.

Entspannte, wertschätzende, loyale, unerschütterliche Beziehungen wünsche ich dir.

In Liebe, Leonie

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