Darf ich ignorant sein?

Als perfektionierte Peoplepleaserin, die sich ihre gesamte Kindheit zwischen den Fronten der einander angreifenden Familienmitglieder befand und in der Schule lernte, wie sie effizient alle Erwartungen bis zum Einserzeugnis zu erfüllen hatte, beschäftigt mich diese Frage seit Jahrzehnten. Wie ein Todesurteil erschien es mir, auch nur eine einzige Person zu enttäuschen. Lieber blieb ich stumm, als etwas Falsches zu sagen.

Regelmäßig führe ich Gespräche, es bräuchte mehr Empathie und weniger Ignoranz in der Welt. Sobald ich Familienmitglieder wertschätze, die ein anderer als ignorant empfindet, wird mir Verherrlichung von verletzendem Verhalten und Diskriminierung vorgeworfen.

Doch meine These ist, dass Ignoranz einerseits gesunder Egoismus ist, wie wir ihn bei jedem noch halbwegs unkonditionierten Kind sehen – und im Extremfall als emotionaler Schutzmechanismus aufgrund von zu vielen äußeren Angriffen oder Forderungen dient, die die Person nicht erfüllen konnte.

Für mich trägt jeder Mensch (wie beim Hund der „Will to please“) den Wunsch in sich, sein Gegenüber glücklich zu sehen und somit im Rahmen seiner Möglichkeiten dessen Wünsche zu erfüllen. Doch werden die Forderungen und Erwartungen des anderen zu hoch oder stehen im Widerspruch zu Dritten, geht der Mensch erst in die Selbstüberforderung, die irgendwann in Wut und dann Dienstverweigerung umschlägt. Bei vielen Menschen kommt dieser Moment erst nach völliger körperlicher Selbstaufgabe und Zusammenbruch durch Krankheiten oder Unfälle. Daraus entsteht verständlicherweise Ignoranz als Selbstschutz vor Überforderung und seelischer Verletzung: der Mensch macht Augen und Ohren zu – und kümmert sich ab jetzt nur noch um sich selbst, weil es zu verletzend ist, sein Bestes zu geben und dennoch nur Abwertung und Kritik zu erhalten. Ignoranz ist also kein Mangel sondern ein Übermaß an Empathie.

Wenn wir uns ganz kleine Kinder anschauen, sind sie ausnahmslos ignorant. Kein Baby dieser Welt kümmert sich darum, ob sein Schreien angenehm ist für andere. Es schreit solange, bis sein Bedürfnis erfüllt wird. Nun könnte man behaupten, es sei ja das Ziel, aus diesen Verhaltensweisen eines Kindes herauszuwachsen. Wenn wir uns die Erwachsenenwelt so anschauen, dann können wir beruhigt feststellen, dass dies den meisten gelingt: wenn sie Hunger haben, rennen sie nicht schreiend durch den Supermarkt, sondern stellen sich brav an der Kasse an, bezahlen und gehen nach Hause. Und mehrheitlich schaffen es Erwachsene auch, nicht handgreiflich zu werden im Falle einer Unzufriedenheit – auch das sollten wir positiv als Reifeprozess unserer Gesellschaft hervorheben. Die körperliche Beherrschung vorausgesetzt, bleibt jedoch die Frage: wenn ich nun mit einer Aussage oder einem Verhalten einen anderen Menschen verletze, ist es dann meine Verantwortung, mich zu verändern, um für seinen Frieden zu sorgen? Genau hier beginnt eine Jahrhunderte lange Prägung, die insbesondere bei Frauen zur völligen Lähmung führte. Durch unsere Sozialisierung geraten Mädchen mehrheitlich in Muster des Peoplepleasings und verbiegen sich zum Gefallen aller Beteiligten mitunter bis zur Unkenntlichkeit, wodurch sie mit psychosomatischen und körperlichen Symptomen bis hin zu Suizidgedanken kämpfen. Selbst wer sich nicht per se als Peoplepleaser empfindet, die möchte ich fragen, wie sehr sie Rücksicht auf ihren Zyklus in der Arbeitswelt nimmt. Gar keine? Genau. Wir sind so angepasst an Systeme, die nicht für Frauen gedacht sind, dass wir nicht einmal mehr merken, wie sehr wir uns täglich verbiegen und unseren Körper und seine natürlichen Bedürfnisse ignorieren und uns niemals trauen würden, zum Chef oder Kunden zu gehen und zu sagen: „Ich bin heute aufgrund meines Zykluses sehr müde und werde daher leider erst nächste Woche fertig.“ Haha. Jungs unterliegen diesen Mustern weniger stark: ihr Testosteronspiegel führt schon als Kleinkind dazu, dass sie Grenzen unwissentlich stärker ausreizen und somit verinnerlichen, dass Ärger zwar nervig, aber nicht tödlich ist. Und so gehen sie durch die Schulzeit und das Berufsleben mit einem deutlich höheren gesunden Egoismus als es Frauen tun, die mit Kritik und Ärger mehrheitlich ein (völlig irrationales) Gefühl von Todesangst empfinden.

Die entscheidende Frage lautet: wo liegt wessen Verantwortung?

Weil diese Antwort unwissentlich in meiner Kindheit verdreht wurde, geriet ich über 7 Jahre in eine schwere Essstörung und Depression.

Mir wurde die Verantwortung für das Wohl und Zusammenführen anderer zugewiesen, die ich in meiner Rolle nicht erfüllen konnte. Und so stand ich täglich einer Aufgabe gegenüber, die nicht erfüllbar war, an deren Zielerreichung ich aber gemessen wurde, sodass ich mich als komplette Versagerin und Schuldige für das Leid anderer empfand – und schlussendlich keinen Sinn mehr in meinem Leben sah, da ich ja ohnehin alle nur enttäuschte, und mir das Leben nehmen wollte (während ich in der Schule, beim Sport und musikalisch Bestleistungen vollbrachte, überall beliebt und integriert war und keiner verstand, was eigentlich mein Problem war.)

Der Schlüssel meiner sofortigen Genesung bestand darin, mir meiner beeinflussbaren Verantwortlichkeit bewusst zu werden und diese konsequent (ignorant) gegenüber allen durchzusetzen, die mir wieder einreden wollten, ich sei für ihr Wohl zuständig.

Wie kommen wir zu einer Antwort?

Ganz simpel. Wir stellen uns die Frage: was kann ich komplett eigenständig beeinflussen, ohne auf das Mitwirken anderer angewiesen zu sein?

Und daraus ergibt sich, dass wir es nicht beeinflussen können, wie ein Verhalten oder eine Aussage bei einem anderen ankommt. Wir können uns bemühen, aber wir können es nicht garantieren, dass der andere wohlwollend aufnimmt, was wir beabsichtigen. Wir können also nur nach bester Intention und eigener Wahrhaftigkeit handeln und sprechen. Das ist unser Geschenk: frei raus sagen und tun, was unser Herz fühlt. Auch wenn dies jemanden verletzt.

Die Verantwortung, die wir jedoch tragen, ist unser Umgang mit den Handlungen und Worten anderer. Wie gehe ich mit dem Schreien eines Babys um? Ich nehme es in den Arm. Und dann schauen wir, ob und wie wir seinen Wunsch erfüllen. Ich würde es niemals anschreien oder belehren, wie unfähig es sei, seine Wünsche nicht anders artikulieren und erfüllen zu können, hätte ja auch keinen Effekt. Ich schaue es mit Liebe an und gehe mit Liebe damit um, wohlwissend, dass es nicht anders kann. Und auch wenn unsere Erwartungen an Kommunikation und Beherrschung an einen Erwachsenen höher sind, so liegt dem auch hier dasselbe zugrunde: was immer mich durch den anderen triggert – verletzt, enttäuscht, ärgert, traurig macht, irritiert -, ist meine Verantwortung. Ich habe meine Trigger zu heilen – und liebevoll umarmend auf den anderen zuzugehen. 

Also bin ich doch nicht ignorant?

Die berechtigte Handlung der Ignoranz oder genauer gesagt der Stille beginnt an der Stelle, wo ein Mensch nicht aufhört, einem anderen vorzuschreiben, wie dieser sich zu verhalten oder zu kommunizieren hätte. Es ist unser bedeutsamster Reifeprozess, aus der Forderungshaltung an andere Menschen herauszuwachsen und es komplett loszulassen, irgendetwas vom anderen erwarten zu können. Wir können bitten. Wir können unseren Wunsch ausdrücken. Aber niemand ist verpflichtet, ihn zu erfüllen. Stell dir vor, du wärst verletzt und wütend auf eine Person, die plötzlich stirbt. Was nun? Bis zum Ende deines Lebens in Groll verharren? Nein. Du trägst die Zügel in der Hand, deine Forderungen loszulassen und dem Menschen verständnisvoll zu begegnen. Das ist Eigenverantwortung, Reife und Respekt vor der Würde des Menschen, der ein fehlbares Wesen ist und bleibt. Und ausschließlich in dieser Haltung der gegenseitigen Annahme gelingt Beziehung.

Es gibt noch eine dritte Variante der Ignoranz: wenn sich ein Mensch kurz vorm Ertrinken fühlt.

Es kommt in den besten Beziehungen vor, dass ein Mensch plötzlich nicht mehr in der Lage ist, achtsam und verständlich zu kommunizieren und zu handeln. Doch dahinter steht keine böse Absicht, sondern die Phase, in der sich dieser Mensch gerade befindet. Stell dir vor, ein Mensch kämpft im Wasser ums Überleben und schreit um Hilfe – und nun kommst du und sagst: „Ne, tut mir leid. Kannst du das bitte höflicher ausdrücken. Ich möchte ein Bitte hören. Was du da redest, verstehe ich außerdem nicht, du musst deutlicher sprechen.“

Würde dich das wütend machen als Ertrinkender? Ja. So wütend, dass du entweder einen anderen Unterstützer suchst oder dich einfach selber rettest (Ertrinken ist keine Alternative). 

Wenn sich ein Mensch finanziell, beruflich, privat oder körperlich stark gefordert fühlt, schaltet sein Gehirn in den Überlebensmodus und fokussiert sein Denken komplett auf den effizientesten Weg, sich wieder in eine Stabilität zu bringen. Es ist für das Nervensystem überlebensnotwendig, dann nicht auf Höflichkeitsfloskeln und Etikette einzugehen, sondern erstmal rigoros den sicheren Hafen anzusteuern. Es ist also unsere Verantwortung, ein Verständnis dafür zu entwickeln, in welcher Phase und welchen Lebensumständen ein Mensch gerade ist, statt es als persönlichen Angriff zu interpretieren, wenn jemand nicht mit Samthandschuhen auf uns eingeht.

All diesen Beispielen liegt ein Menschenbild zugrunde: möchte ich den Mensch in seinen Stärken stärken oder seine Schwächen ausmerzen?

Und wir alle wurden durch das Schulsystem seit Jahrhunderten geprägt, wir müssten alles können, alle Schwächen beheben und somit auch allen anderen klarmachen, wo noch ihre Schwächen seien.

Ein gesundes Menschenbild geht jedoch davon aus, dass es nur unsere Aufgabe ist, unsere Stärken zu stärken und somit liebevoll aufeinander zu schauen, was jeder einzelne von uns besonders gut kann und einzigartig und nützlich zur Gemeinschaft beiträgt. Eine funktionierende Gemeinschaft basiert auf Interdisziplinarität, sonst würden sich ja alle gegenseitig auf die Füße treten. Das heutige Schulsystem wirkt also massiv entgegen einer gesunden Gesellschaft, weil wir viel zu lange als Allrounder ausgebildet werden und uns dadurch in Konkurrenzkämpfen und Selbstzweifeln durch zu große Vergleichbarkeit verlieren.

Und jetzt kommt ein wichtiger Bewusstseinsshift in deiner besonderen Rolle als female servant Leader:

Du bist nicht mehr nur für dich zuständig. Du dienst deinem Team. Und das bedeutet: du stehst auf größerer Ebene für ihre Freiheit ein, damit sie ihr volles Potenzial leben, trainieren und die unvorstellbaren Ergebnisse kreieren können. Und um dieser Rolle und diesem Ziel gerecht zu werden, wirst du dich gegenüber anderen ignorant verhalten bzw. von ihnen so empfunden, weil du sie vor ausbremsenden Erwartungen oder dämlichen Prozessen schützen musst.

Darf ich ignorant sein?

Ja. Du darfst gesund egoistisch sein, deine Wahrhaftigkeit frei raus aussprechen und zugleich deinen Wunsch, dein Gegenüber glücklich zu sehen, beibehalten. Denn wenn wir beide in der Verantwortung für unsere Trigger und unseren Beitrag zum Verlauf einer Situation bleiben, offen und ehrlich aussprechen, was wir auf Basis unseres inneren Erlebens fühlen, dankbar für all die angestoßenen Wunder weit über uns beide hinaus sind und unser Bestes für eine wundervolle, gemeinsame Zeit geben, erleben wir eine magische, glückliche Beziehung. Und unsere Wahrhaftigkeit tief aus dem Herzen kommend ist Heilung und Verbindung für alle zugleich. 

Und zuallerletzt: Stell dir vor, unser Zusammenkommen wäre weit mehr als eine zufällige Begegnung. Stell dir vor, Situationen träten nicht nur aufgrund unseres Willens und bewussten Handelns ein, sondern stünden in einem viel größeren Wirken. Und alles, was wir erleben, geschähe, um wahrhaftig in unsere Größe, innere und äußere Freiheit zu gelangen, wo wir IN UNS finden, wonach wir suchen, und sich immer Wege öffnen, selbst wenn eine Tür verschlossen blieb oder ein Mensch nicht nach unseren Wünschen handelte. Wie viel liebevoller würdest du dann auf alles Erlebte schauen? Wie viel mehr würdest du jeden als liebevolle Erinnerung an deine Selbstermächtigung erkennen und einfach dankbar sein? Und wie viel mehr würdest du dir selbst deine Schwächen und Fehler verzeihen und dich einfach akzeptieren, wie du bist, ohne dich in Rechtfertigungen, Entschuldigungen und Rückzug zu verlieren?

In Liebe, Leonie

Tags :
Allgemein

Related Post