Schimpfworte, Techno und Nacktheit

Und dann sprang er nackt vor allen meinen Schulfreunden ins Meer… während ich vor Scham im Erdboden versank.

Was darf man als servant Leader – und was nicht? Gibt es Grenzen, an die man sich halten sollte, oder erlaubt „der intuitive Impuls“ alles?

Meine Eltern hatten nie ein Problem mit Nacktheit. Meine Mutter war jeden Sommer mit mir im FKK-Bad in Hamburg und dass mein Vater im Urlaub nackt am Strand baden war, war auch normal. Und trotzdem empfand ich es als schambehaftet. Vielleicht durch meine Hochsensibilität, durch die ich jeden Gedanken, jede Anspannung anderer Menschen sofort spürte. Vielleicht weil ich unzufrieden mit mir war. Ich weiß es nicht. Mein Vater hatte immer diese absolute Selbstverständlichkeit und Zufriedenheit mit sich selbst (und auch mit seiner Sexualität, sehr wichtiger Punkt, auch wenn ich das damals nicht hätte benennen können), das fand ich stets beeindruckend. Es hatte nichts Perverses oder Aufdringliches an sich und es war auch keine Zurschaustellung. Es war einfach eine Natürlichkeit aus Freude am Leben und Menschsein. Meiner Mutter merkte man an, dass sie unzufrieden mit ihrem Körper war, entsprechend war da stets eine Zurückhaltung und Verspannung zu sehen. Ob mit Freunden oder Arbeitskollegen, mein Vater freute sich einfach riesig, sie zu sich in die selbstgebaute Sauna und den Badeteich einzuladen. Sein Fokus lag auf dem Erleben der Freiheit und des entspannten Zusammenseins. Es war einfach kein Thema der Scham oder des Mangels für ihn – und so war es auch für die anderen kein Thema. Diese Beobachtung machte ich immer wieder: er ging mit absoluter Natürlichkeit mit Dingen um und schwups, machten andere auch einfach mit, was vorher für sie undenkbar gewesen wäre.

Aber dann kam dieser eine Tag…

Ich war anlässlich meines 15. Geburtstages mit ca. 10 Freunden an die Ostsee gefahren, wo wir ein Ferienhaus besaßen. Wir gingen an den Strand, es war kühl und grau. Und plötzlich nehme ich aus dem Augenwinkel wahr, wie mein Vater alle Kleidung von sich wirft und nackt zum Meer geht. Mein Atem blieb mir im Halse stecken, ich schloss die Augen und betete. Oh my fucking goodness.. er tat es wirklich: vor all meinen weiblichen und männlichen Schulfreunden sprang er nackt ins Wasser, kam heraus, winkte uns und schrie: „Das müsst ihr auch unbedingt machen. Es ist herrlich!“. Ich versank vor Scham im Erdboden. Natürlich ging es in die Geschichte unserer Schulzeit ein, aber ehrlicherweise war es für die anderen gar nicht so schlimm wie für mich. Für mich war es ein weiterer Grund, warum mir meine Familie so unfassbar peinlich war. Wer hatte bitte Eltern, die sich nackt vor den Freunden ihres Kindes auszogen??? Völlig bescheuert.

Und doch lernte ich in diesem Moment, dass es kein Weltuntergang war. Auch danach sprach jeder normal mit ihm und nahm ihn ernst. Niemand hätte jemals seine Kompetenz in Frage gestellt, nur weil er ihn nackt gesehen hatte. Das widerlegte alle meine Glaubenssätze. 20 Jahre später sollte mir dieses Thema dennoch beruflich erneut begegnen.

Musikgeschmack….

Ich liebe elektronische Musik. Techno kann manchmal schon sehr hart sein, aber es ist und bleibt die Musik, zu der ich mich am freisten und lockersten bewegen kann. Aber manche Menschen verbinden bestimmte Musikrichtungen mit innerer Abstumpfung. Ich wuchs in einem Therapeuten-Psychologen-Umfeld auf und sie alle rümpften abwertend die Nase bei solcher Musik. Noch schlimmer war nur noch Heavy Metal oder Böhse Onkelz. So war es mir höchst peinlich, irgendwo preiszugeben, dass EDM aber meine absolute Lieblingsmusik ist. Dem entging ich damals aber ganz elegant, da ich zum Glück zahlreiche Musikarten mag und es mir insofern nicht schwer fiel, stattdessen einfach Jazz, Klassik oder Indie zu nennen. Doch auch dieses Thema begegnete mir 20 Jahre später beruflich erneut….

„…ich schwöre: ich schreie ihn an und kippe ihm seinen Scheiß Kaffee in die Fresse. Was für ein Schlappschwanz.“

Autsch. Ich wuchs mit der Prämisse auf, mich immer grammatikalisch korrekt und nach den Regeln der gewaltfreien Kommunikation auszudrücken, also niemals beleidigend und immer bedürfnisorientiert und verständnisvoll in Ich-Botschaften zu kommunizieren. Jede winzige Abweichung davon wurde mir seit frühster Kindheit sofort als Fehler vorgeworfen. Ein Satz wie oben klingt in meinen Ohren daher wie Gottesbeleidigung. Ich fühle ihn körperlich. Wie ein Messer in der Brust, das mit dem Kommentar „Du Versagerin“ langsam darin gedreht wird. Ich gehöre zu den Menschen, die sich jegliches Fluchen, jeden Ausdruck von Schimpfworten komplett abtrainiert haben – wenn ich einmal entschieden habe, etwas nicht zu tun, ziehe ich es gnadenlos konsequent durch. Und als ich Mutter wurde, war mir endgültig klar, dass Ausdrücke wie „Scheiße“ nichts bei mir verloren hatten, mir rutscht sowas dann auch nicht versehentlich raus. Einmal ernsthaft entschieden, bin ich in jedem Moment so bewusst und präsent, dass mir kein Fehler passiert. Leonie war also stets eine sehr höfliche, kontrollierte, freundliche Person, die zwar auch mal wütend sein konnte, sich aber dennoch weiterhin angemessen ausdrückte und dabei stets den Fehler bei sich selbst suchte. Deshalb war ich auch so erfolgreich in der Magersucht: ich kann extrem diszipliniert sein und mich zerstörerischer Selbstkontrolle unterwerfen, was aber immer zum Schaden des Menschen ist. Doch als ich mehr und mehr mit Menschen im Coaching arbeitete und schließlich als ich mich selbstständig machte noch mehr, merkte ich, dass das Zurückhalten der Wut und dieses freien Ausdrucks von Schimpfworten körperlich etwas mit dem Menschen macht. Das permanente Kontrollieren der eigenen Ausdrucksweise und Emotion führt dazu, dass der Mensch in ständiger muskulärer Anspannung lebt und seine Emotionen drosselt, nicht nur die Wut, sondern leider gleichzeitig auch jeden Höhepunkt von Freude und Begeisterung. Zudem merkte ich, dass meine oberkorrekte Ausdrucksweise eine Distanz zwischen mir und jedem Menschen schafft, der gar nicht in der Lage ist, so viel Selbstkontrolle aufzubringen und sich zu zügeln wie ich. Es entstand ein Gefälle, das ich nicht mochte, weil ich spürte, wie sich mein Gegenüber klein und unfähig mir gegenüber machte, obwohl ich sein Fluchen gar nicht verurteilte. Für mich war es Ausdruck von Stärke, so frei heraus das eigene Empfinden zum Ausdruck zu bringen, denn ich selbst versank dabei in den tiefsten Selbstvorwürfen, wenn ich so etwas laut sagte, und noch Wochen später hallte mein inkorrekter Satz in meinen Ohren wie ein Mahnmal der Schande. Also begann ich, bewusst auf Social Media auch mal zu fluchen und wortwörtlich zu schreiben, was ich wirklich fühlte. Ich benutzte bewusst Begriffe, wie „Schlappschwanz“, „Scheiße“ oder „Fresse“. Und siehe da: prompt erhielt ich Screenshots und Mails von einem Geschäftspartner, der mir in förmlichem Ton erklärte, er müsse sich von mir distanzieren, denn sein Unternehmen könne nicht hinter solchen Ausdrücken stehen. Auch mein Mann reagierte völlig irritiert, denn so kannte er mich ja gar nicht. Er fragte mich, warum ich sowas denn nötig hätte und dass sich manche Freunde von ihm davon angegriffen fühlen würden. Wow. Da hatte ich voll ins Schwarze getroffen. Plötzlich holte ich Trigger in Menschen hervor, von deren Existenz ich nie geträumt hätte. Mein Empfinden so klar ohne Beschönigung zu äußern, gab mir jedoch zugleich ein so unfassbares Gefühl von Freiheit und Verbundenheit mit mir selbst, dass ich spürte: ich will die alte, angepasste Version von mir nicht mehr. Ja, die gefällt allen und die sprechen alle heilig, aber die ist gleichzeitig so aalglatt, dass ich selbst gar nicht mehr weiß, wer ich eigentlich wirklich bin. Ich war ein Chamäleon: überall konnte ich mich sofort anpassen und dazugehören. Bei den einen sprach ich Digga-Slang, bei den anderen verwendete ich professionell Fachbegriffe, bei den nächsten sprach ich philosophisch meditativ. Wer war ich eigentlich wirklich? Es entstand ein tiefer Hunger in mir, selber zu entscheiden, wer ich war, statt meine Umgebung dies entscheiden zu lassen.

Ich ging einen Schritt weiter. Nun veröffentlichte ich Aufzeichnungen von mir auf einem Elektro-Festival, wo ich hemmungslos frei und fröhlich tanzte und mitsang. Zack, mehrere Follower schlagartig weg. Coaches schrieben mir, sie würden sich Sorgen um mich machen und sehen, wie ich abstürze. Das sei doch nicht die bewusste Leonie, die sie kannten. Was ich denn zu kompensieren hätte und ob ich nicht bei ihnen ins Coaching wolle, um das zu bearbeiten. Dann veröffentlichte ich Fotos von mir in Unterwäsche oder Bikini. Nicht, um jemanden zu reizen, sondern weil ich sie ästhetisch so schön fand und sie eine für mich ganz magische Seite der Sanftheit und Natürlichkeit zum Ausdruck brachten, die ich Frauen so gerne näher bringen wollte. Zack, hintenrum erfuhr ich, dass manche Mütter aus meinem Umfeld mich meiden würden. Freunde meines Mannes schickten ihm Screenshots und schrieben, wie er denn solche Sätze oder Fotos zulassen könne. Familienmitglieder riefen an und beschimpften mich als Schlampe. Die Panik erfasste mich, dass nun meine berufliche Kompetenz gänzlich in Frage gestellt würde. Dann erlaubte ich mir endlich, mir die (teuren) Markenschuhe zu kaufen, von denen ich immer geträumt hatte, und teilte jeden Tag im Status die schönen Momente meines Lebens. Zack, eine meiner längsten Freundinnen meldete sich nicht mehr und sagte mir schließlich, sie könne es nicht ertragen, mich immer glücklich zu sehen, und zudem hätte sie ja bessere Verwendung für das Geld, das ich für Schuhe ausgeben würde. Dann weinte ich als Leiterin eines Seminars, sprach über verschiedene Momente des Scheiterns und meine weiterhin vorhandenen Selbstzweifel vor 120 Teilnehmern. Zack, am nächsten Tag sagte eine Kundin, sie könne nicht mehr mit mir arbeiten, da ich ja immer noch die Selbstzweifel hätte, die sie ja schließlich auflösen wolle. Dann erhöhte ich meine Preise und schrieb sie auf die Website. Zack, behauptete eine Kundin öffentlich, ich sei eine Lügnerin, würde Wucherpreise verlangen und sei gar nicht qualifiziert genug. Dann machte ich ein Instagram-Live, in dem ich unter anderem darüber sprach, dass mir der Fortbestand des Unternehmens wichtiger sei als einzelne Teammitglieder. Zack, meldeten sich mehrere aus dem Team im Meeting, sie seien hochgradig enttäuscht von mir, dass ich das Team und ihre Leistung so wenig wertschätzen würde. Dann schrieb ich mit jemandem im Affekt sehr intim und als mein Mann mich fragte, ob ich mit einem anderen Mann schreiben würde, antwortete ich aus Scham und um ihn nicht zu verletzen nein. Daraufhin wollte er die sofortige Scheidung und sagte, er könne mir nie wieder vertrauen und auch sonst nicht mehr glauben.

Meine erste Reaktion war Panik. Meine größte Angst, Menschen zu verletzen und zu enttäuschen, schien wahr geworden. Meine tiefste Verlustangst kam nach oben. Regelmäßig löschte ich Beiträge, weil mein Verstand es nicht aushielt, dafür weiterhin angreifbar zu sein. Meine „falschen Ausdrucksweisen“ hallten in meinem Kopf wie ein nicht endendes Echo, wie eine zerstörerische Stimme, die mich in die Knie zwingen wollte vor Reue und Schuldgefühl. Was mich daran am meisten schockierte, war, welche Macht die Reaktion anderer Menschen auf mich hatte. Wie konnte es möglich sein, dass ich einige wenige darüber entscheiden ließ, welche Musik ich hören, wie viel und welche Kleidung ich tragen und welche Worte ich benutzen durfte. Das hatte doch nichts mit einem freien, eigenständigen Menschen zu tun. Es hatte zwar theoretisch auch nichts mit meiner Arbeit zu tun, aber mir wurde klar, dass es notwendig war, diese Schritte zu gehen, um jedem Menschen den Weg zu mehr Selbstliebe und Toleranz zu ebnen.

Natürlich kann man insbesondere beim Ausdruck von Beleidigungen und Kraftausdrücken behaupten, es sei doch wohl unser aller Ziel, uns vernünftig und sachlich zu unterhalten. Aber ich beobachtete Folgendes: ich brachte stets mit meinen Worten ein allgemeines Empfinden zu einem kollektiven Missstand, einer Übergriffigkeit oder Entwürdigung des Menschen zum Ausdruck – und dies genau mit dieser Klarheit auszusprechen, gab mir sowohl Standing als auch Klarheit für das, was ich in dieser Welt verändern möchte. Stell dir eine Frau mit drei Monate altem Baby vor. Und nun verlässt der Vater die beiden mit der Aussage, er könne das einfach nicht. Das ist das Verhalten eines Feiglings. Er zieht den Schwanz ein in einem Moment, in der sich die Frau in völliger Abhängigkeit und Hilflosigkeit befindet. Ja, er handelt im Rahmen seines Bewusstseins und der systemischen Beziehungsdynamik und sicher trägt sie auch ihren Teil dazu bei, weil sie vielleicht noch nicht emotional stark mit Baby und den Anforderungen des Alltags umgehen kann. Aber sein Verhalten nicht genau als solches zu benennen, wäre eine Verklärung der Realität und die Schonung führt dazu, dass er sich selbst gegenüber sein Verhalten weiterhin rechtfertigt und keinen Anstoß zur Weiterentwicklung erhält, zukünftig zu seiner Verantwortung zu stehen und über seine Ängste hinauszuwachsen. Viel bedeutsamer als die Echauffierung über den Ausdruck „Schlappschwanz“ ist der Umgang mit diesem Umstand: die Frau kann sich nun als hilfloses Opfer in Selbstmitleid und Verzweiflung stürzen – oder sie sagt: „Das war wirklich Scheiße. Er verhält sich als Schlappschwanz. Aber ich stehe auf eigenen Beinen und jetzt meistere ich diese Situation ohne Groll und bin ihm dankbar, dass ich hierdurch über mich hinauswachse.“ Sie darf selbstverständlich das Verhalten mit Klarheit benennen – und zugleich selbstempowernd damit umgehen, die Enttäuschung in Dankbarkeit wandeln und es loslassen, ob er zurückkommt oder nicht. Dann stärkt es beide.

Kennst du Erin Brockovich? Die Frau, die 1993 als alleinerziehende, dreifache Mutter ohne Ausbildung begann, einen der größten Grundwasserverschmutzungen der USA aufzudecken und nach 3 Jahren intensiver Arbeit 333 Millionen USD Schadenersatz für die Opfer raushandelte, von denen die meisten an Krebs und anderen Leiden erkrankt waren. Sie trug immer Miniröcke und tiefes Dekolleté, fluchte und beleidigte jeden, der sie von oben herab behandelte.

Ja, sich höflich, dankbar und verständnisvoll ausdrücken zu können, ist eine wundervolle Kompetenz, die zahlreich in meinem Leben dazu führte, dass ich Menschen wertschätzend und rechtmäßig besänftigen konnte, die eins meiner Unternehmen über viele tausend Euro verklagen wollten. Für mich gilt die Prämisse: im persönlichen Gespräch ehrlich(!) dankbar und lösungsorientiert – an die Allgemeinheit klare Benennung von entwürdigendem, herablassendem, unfairem, machtmissbräuchlichem Verhalten, um eine Veränderung zu erwirken. Deshalb behalte ich sowas dann auch nicht für mich. Ich benutze mein Erleben, um für alle ein tieferes Bewusstsein aus der Perspektive der Fülle und Würde des Menschen zu schaffen.

Zugleich…..

…lernte ich im Prozess als Unternehmerin die Macht der Klarheit und den Wert von Menschen kennen, die mir einfach von sich aus menschliche Fehler und sogar Versagen verzeihen und liebevoll drüber lachen können, sogar dann, wenn es sie selbst gerade in eine etwas missliche Lage bringt. Menschen, die sich nicht mit Befindlichkeiten aufhalten, die den Ausdruck von Wut über Entwürdigung voll und ganz nachvollziehen können, selbst wenn sie gerade nicht exakt dieselbe Meinung haben, und die stets mein Bemühen sehen, auch wenn ich nicht immer alles wie erhofft schaffe. Menschen, die immer antworten: „Scheiß drauf, was die anderen denken. Und Scheiß drauf, ob es heute schon gelingt oder nicht. Dein Mut, wofür du hier einstehst und die Intention hinter deiner Handlung sind alles, was zählt.“ Ich wusste, ich will nur noch von diesen Menschen umgeben sein. Und um dies zu erreichen, muss ich einen so starken äußeren Filter kreieren, dass es nur noch diese Menschen bis zu mir in den engen Kreis schaffen und alle anderen frühstmöglich die Biege machen. Je klarer ich also wirklich ich bin, desto klarer gelingt dieser Aussortierungsprozess, der mir dadurch genau das Umfeld erschafft, das für mich ein erfülltes Leben ausmacht. Und dadurch, dass ich öffentlich klar und offensiv bin, meine Freunde und Familie meine Haltung und Vorlieben darüber kennen, kann ich privat total ruhig sein. So ruhig, dass sich manche wundern, wie es sein kann, dass ich öffentlich so redselig bin und privat oft so wenig sage. Es ist schlichtweg nicht mehr nötig.

Um nun meine eigenen Handlungen sinnvoll vorab einordnen zu können, kam ich zu folgendem Schlüsselpunkt, den du zu deinem Leitstern machen darfst. Es ist die Frage: „Was ist die Quelle der Handlung?“ Wenn die Handlung der Fülle und Großartigkeit des Menschen entspringt, lasse ich jedes Urteil über Richtig und Falsch und jede persönliche Verletzung los und lasse es fließen, weil ich weiß, dass die Intuition des Menschen immer richtig ist. Entspringt die Handlung der Angst oder dem Mangel, spreche ich es gnadenlos Wachstum fordernd an und gehe selber konsequent den Weg über die Angst und den Mangel hinaus.

Bei Erin Brockovich, großartig gespielt von Julia Roberts im gleichnamigen Film, erkennt man wundervoll, dass sie immer dann flucht und beleidigt, wenn Menschen sie entwürdigend, herablassend und unfair behandeln. Es sind immer Momente, wenn Menschen ihr ihre Würde nehmen wollen. Und somit ist ihre Handlung Ausdruck der Kraft einer Löwin, die symbolhaft für die Großartigkeit und ein würdevolles Leben jedes Menschen einsteht. Und ja, manche Menschen sind es so sehr gewohnt, dass alle vor ihnen niederknien und stumm bleiben, sodass sie nicht mehr merken, wie entwürdigend, herablassend, missbräuchlich oder unfair sie mit Menschen umgehen – und denen darf man klipp und klar sagen, dass es Scheiße ist, was sie gerade tun. Und um jedem Menschen den Weg zu ebnen, einfach er selbst und mit sich glücklich sein zu dürfen, ist es auch völlig natürlich, sich in jeglicher menschlichen Form zu zeigen, Schönheit zum Ausdruck zu bringen und jede Musik zu hören, die dich befreit und glücklich macht.

Religionen haben uns gelehrt, was gut und böse sei. Sie alle arbeiten damit, den Mensch als Schuldigen zu betrachten, der erst Erlösung und Würde durch einen heiligen Retter findet. Und so laufen Milliarden Menschen täglich voller Schuldgefühl und Selbstvorwürfe herum. Das Problem daran ist, dass die Seele des Menschen einen natürlichen Drang nach Freiheit und Selbstentfaltung hat und sich somit immer fehlbar verhalten wird, weil wir dabei mit einigen gesellschaftlichen Idealen kollidieren, egal, wie sehr er auch versucht, dies zu unterdrücken: irgendwann explodiert er förmlich und tut es dann im Extremen oder er frisst es so erfolgreich in sich hinein, dass er schwer krank wird. Dem Menschen seine Menschlichkeit zu verbieten und zum Bösen zu erklären, ist die größte Misshandlung der Menschheitsgeschichte. Erst die Unterdrückung von Bedürfnissen, Emotionen, Persönlichkeitsseiten oder Lebenszuständen führt zu Suchtverhalten: es ist nicht der Alkohol oder Tabak, der die Sucht kreiert – es ist der missbräuchliche Umgang damit, der zu Überkonsum und schließlich körperlicher (und seelischer) Abhängigkeit führt. Ebenso sind Suizide immer Ausdruck von so heftiger Selbstverurteilung, weil der Mensch sich in einer unveränderbar schuldigen, verwerflichen, ausweglosen oder sinnlosen Lebenssituation sieht und Panik vor der Reaktion des Umfeldes hat. Dir ein Umfeld zu kreieren, das angreifend auf deine Menschlichkeit reagiert, bringt dich langfristig seelisch um. 

Die wichtige Differenzierung für unseren Umgang ist: jeder darf für sich entscheiden, was er möchte und was nicht. Jemand, der sagt: „Ich esse keinen Zucker.“ oder „Ich unterstütze keine alkoholischen Geschenke.“ oder „Ich möchte keine sterbenden Tiere sehen.“ oder „Ich zahle keine Steuern in Deutschland.“ oder „Ich führe eine offene Beziehung.“ handelt integer, ohne den anderen vorzuschreiben, was sie wie zu tun hätten oder wann sie ein korrekter oder inkorrekter Mensch seien. Ein integres Verhalten, das nur den Menschen selbst betrifft und woraus er für sich selbst Konsequenzen zieht und die volle Verantwortung übernimmt, ist immer großartig! Übergriffig wird es in dem Moment, wenn man die eigenen Regeln anderen vorschreibt, die Unmündigkeit schwächerer oder unwissenderer Menschen ausnutzt, körperliche Grenzen verletzt, bewusst zum Schaden anderer agiert, Verantwortlichkeiten verdreht oder vor Verantwortung flieht.

Zu zeigen, was du liebst, womit du dich besonders frei fühlst und was dich wirklich wütend oder traurig macht, ist keine Schwäche, Angriffsfläche oder Vorwurf – es ist dein wahres Ich. Und wenn wir das sehen und fühlen, dann sehen und fühlen dich endlich genau die Menschen, die dich wirklich bedingungslos lieben – und alle anderen, für die du dich immer verbiegen und zurückhalten musstest, damit sie sich nicht echauffieren oder verletzt reagieren, gehen dann von selbst aus deinem Leben oder entwickeln sich endlich weiter. Nein, das ist keine Verrohung der Welt, das ist die Entwicklung zu echter Ehrlichkeit und Nahbarkeit und das sollte unser aller Anspruch an Beziehungen und Gesellschaften sein. Es fordert von jedem, über den Reflex des Beleidigtseins, Trotzes, Grolls, Machtmissbrauchs, der Rache, Verurteilung und Sturheit hinauszuwachsen und humorvoll, verzeihend, dankbar, selbstehrlich und empowernd menschlich miteinander umzugehen.

Und es gibt einen letzten Grund, warum ich es so wichtig finde, diese menschliche Seite zuzulassen: mal ein „Digga“ oder „Scheiße“ auszusprechen, sich ganz normal in Badekleidung oder Handtuch auf dem Kopf zu zeigen, deine Selbstzweifel und Lieblingsmusik zu teilen, was auch immer sie sein mag, zerstört endlich die Barriere zwischen den Bildungsschichten, die wir künstlich durch die Abwertung dessen aufrecht erhalten. Irgendwann hab ich begriffen, dass es als Machtinstrument missbraucht wird, abfällig auf andere zu schauen, „die so handeln“ – und deshalb entschied ich bewusst, meinen antrainierten Akademiker-Perfektionismus loszulassen.

Billie Eilish: 2015 wurde sie mit 14 Jahren mit dem Song „Ocean Eyes“ bekannt. 2019 wurde sie weltweit bekannt mit dem Album „When we all fall asleep, where do we go?“. 124 Millionen Follower auf Instagram. Ihre ganze Jugend in der Presse.

Eigentlich hat sie eine sehr liebliche Stimme und ist ein typisch blondes, kleines, süßes Mädchen. Stattdessen kleidet sie sich wild und verzerrt ihre Stimme in ganz andere Sphären.

Man könnte jetzt sagen: Billie kann sich selbst nicht lieben, deshalb muss sie so einen Schutzmantel aufbauen. Aber die tiefere Wahrheit ist: wenn du von Geburt an merkst, wie Menschen dich in eine Schublade stecken, auf die du keinen Bock hast, ist es der zerstörerischste Weg, ihre Klischees zu erfüllen – der einzig wahre Ausweg in deine innere Freiheit ist, auszubrechen und selber zu entscheiden, worauf du Lust hast und wie du dich wohlfühlst. Billie hat sehr viele Songs darüber geschrieben, wie die ganze Welt ihr vorschreiben will, wer sie zu sein hat und was nun ihr Absturz oder der richtige Weg für sie sei. Sie macht darüber zurückzuerlangen, was du, nur du für richtig hältst, ist der einzige Weg, der dich vor dem Selbstmord in dieser Situation rettet. Das schlimmste daran ist, dass dich niemand versteht, weil alle dir immer nur erzählen: „Aber du hast doch alles, wovon andere träumen.“ – Aber das ist einen Scheiß wert, wenn du dich selbst nicht mehr spürst und im Spiegel nur noch eine Marionette im Gefängnis siehst.

Dieses Leben ist nicht dafür da, erfolgreich zu sein – es ist dazu da, du selbst zu sein und genau diese Frage für dich zu beantworten: wer bin ich wirklich in all meiner Freude?

Die Generation Z wird dieser Sehnsucht folgen. Sie hat dies so oder so schon längst unwissentlich zum neuen Maßstab erklärt. Und alle vor 1996 Geborenen, die das nicht kapieren, werden in den nächsten 10 Jahren unüberwindbare Konflikte sowie das Zusammenbrechen ihrer Geschäftsmodelle erleben. Die Gen Z und Gen Alpha will authentische Führungspersönlichkeiten. Und wie wir an Billie sehen, ist ihr Weg ziemlich erfolgreich. Also hab keine Angst, den Weg zu gehen, den nur du selbst verstehst und manchmal nicht mal du.

In Liebe, Leonie

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