6. August 2026

Vorlesung 202.5 bei Leonie Malinowski
Vergebung heißt: „Ich übernehme die volle Verantwortung für meinen Beitrag zur Entstehung des Geschehens und anerkenne die Menschlichkeit des anderen und daraus entstandene Verletzung, lasse bedingungslos jeglichen Vorwurf und jede Rechtfertigung los und mache mich nun auf den Weg, mich selbst, genauso wie den anderen, als Mensch mit seiner Geschichte und seinen Beweggründen wahrhaftig zu verstehen und so sein zu lassen, wie wir sind.“
Damit bleibt beim anderen die Verantwortung für den anderen Teil, nämlich die Entscheidung, so zu handeln, wie er dann gehandelt hat. „Die Schuld“ liegt niemals nur bei einer Person. Niemals. Spannender ist aber: Eine verletzende Handlung geschieht auf unbewusster Ebene immer, um einen Stillstand in Bewegung zu bringen. Und somit gilt: was geschah, ist Scheiß egal. Es geht nicht um Schuldzuweisung und auch nicht ums Ausheulen von Verletzung. Niemand ist dir schuldig, sich zu entschuldigen, etwas zu bereuen, zu erklären oder zu ändern. Das zu verstehen, ist ganz wichtig, weil du sonst niemals emotional loslassen kannst und somit der andere in der Regel immer dicht macht, wodurch du auch niemals wieder ein liebevolles Gespräch führen wirst. Ganz fatal wird das, wenn ihr euch oberflächlich auf Vergebung und Entschuldigung einigt, aber in Wahrheit stillschweigend der Vorwurf bestehen bleibt – dann ist die Beziehung emotional zum Scheitern verurteilt. Entscheidend für Vergebung ist nur: wie viel tiefer kannst du nun dich selbst und die wirklich bedeutsamen Bedürfnisse des Menschen verstehen und von Belanglosigkeiten differenzieren, sodass du achtsamer und bewusster handeln kannst?
Angenommen dein Partner geht fremd (eins meiner Lieblingsthemen, wie du bestimmt mittlerweile bemerkt hast weil es einfach so herrlich polarisiert): dann ist Vergebung, dass du anerkennst, dass du ihn aus seinem Empfinden z.B. körperlich abgewiesen, nicht zugehört, keine Wertschätzung für seine Themen, Mühen und Kompetenz geschenkt und ihn nicht wirklich verstanden hast und schlussendlich kein Gefühl (mehr) von emotionaler Verbindung vorhanden war. Das Fremdgehen war dann seine Flucht, nachdem seine vorherigen Versuche, sich verständlich zu machen, keinen achtsameren, bedürfniserfüllenderen Umgang von dir brachten. Aber natürlich war es seine Entscheidung, fremd zu gehen, statt sich der Verletzung zu stellen und sich entweder zu trennen oder dir die Bedeutung seines Wunsches klarzumachen, damit du etwas ändern kannst. Er hat also nicht verständlich genug für dich kommuniziert, sich selbst nicht ausreichend verstanden und du hast nicht achtsam genug hingeschaut – keiner tat dies, um den anderen zu verletzen, viel mehr entsteht dies aus gegenseitiger Rücksichtnahme, weil beide Angst haben, dem anderen zu viel zuzumuten.
Im ersten Schritt müssen diese beiden Anteile klar sein. Jetzt begegnet ihr euch „auf Augenhöhe der Schuld“: beide tragen gleich viel Schuld & Unschuld, beide sind erkennbar als Mensch mit Bedürfnissen und persönlichen Befangenheiten, supidupi Jetzt kann jeder in die Selbstehrlichkeit gehen: „Welche Sehnsucht habe ich mir selbst verschwiegen oder vor welcher Angst laufe ich weg? Was will ich wirklich?“
Aus dieser Erkenntnis MUSS folgen: „Ich will etwas anderes“ oder „Ich will dich“. Daraus muss eine klare Entscheidung für oder dagegen mit entsprechenden Konsequenzen entstehen: „und jetzt laufe ich nicht mehr weg, sondern gehe voll ins Commitment und überwinde gnadenlos jede beschissene eigene Angst“ oder „danke für die gemeinsame Zeit, ich brauche (derzeit) etwas anderes“. Ohne diese Entscheidung ist jede Vergebung und jede Entschuldigung für‘n Arsch und einfach nur hohles Gelaber mit Selbstbetrug, was zwangsläufig zu einer Wiederholung des Schmerzes und Realitätsleugnung führt, weil keine Veränderung und echte Bedürfniserfüllung stattfindet.
Ist die Entscheidung wahrhaftig mit entsprechender Selbstehrlichkeit, dann ist ein weiterer gemeinsamer Weg erfolgreich, wie auch immer dieser dann aussieht, um die Bedürfnisse beider zu erfüllen. Auch die Entscheidung für getrennte Wege ist völlig in Ordnung. Genau dieser Moment der Anerkennung der Bedürfnisse beider führt zur Vertiefung echter emotionaler Bindung. Und es ist Ausdruck wahrer Liebe, jede Entscheidung des anderen zu akzeptieren, sich den eigenen Ängsten und Bedürfnissen zu stellen und einander so sein zu lassen, wie ihr seid, statt den anderen nach den eigenen Vorstellungen verbiegen zu wollen, in einer Forderung stecken zu bleiben oder an Schuldigen festzuhalten.
Übertrag das auf jedes beliebige Geschehen.
Jetzt gibt es oft den Fall, dass kein Gespräch (mehr) möglich ist oder der andere sich weigert, seinen Teil der Verantwortung zu tragen.
Kein Problem: Vergebung ist unabhängig vom anderen. Für dich ist nur relevant, welche selbstehrliche Erkenntnis du daraus ziehst: Was weißt du nun Tiefergehendes darüber, was du wirklich brauchst, um glücklich zu sein, wovor du wegrennst und was in Wahrheit Belanglosigkeiten sind? Und was weißt du Tiefergehendes über den Menschen und seine Bedürfnisse als solches, was unwillkürlich zu einem bestimmten Verhalten führt, um sich selbst würdevoll treu zu bleiben und Frieden zu finden, sodass du zukünftig achtsamer sein kannst, wodurch sich die Situation nicht wiederholen muss?
Nehmen wir ein anderes Beispiel:
Mein Vater hatte die ersten vier Jahre meines Lebens keinen Kontakt zu mir. Er übernahm die ersten 14 Jahre meines Lebens keine Verantwortung für mich und obwohl er alle paar Monate da war und wir eine bestimmte Phase über auch sehr viel bei ihm Ferien und Wochenenden verbrachten und gemeinsam in Urlaub fuhren, verließ er meine Mutter und mich jedes Mal emotional, meist mit eskalierenden Streitgesprächen zwischen den beiden. Er war niemals Teil meines Alltags und somit fehlte er bei fast allen Ereignissen meiner Kindheit, während meine Mutter als alleinerziehende, berufstätige Frau zu einer Zeit, in der es gewöhnlich kein Teilzeit gab und wenn überhaupt dann mit massiven Einschränkungen verbunden war, gleichzeitig immer finanziell und emotional kurz vorm Zusammenbruch stand, was sie tapfer kaschierte.
Ergo: für viele Grund genug, den Vater abgrundtief abzulehnen. Für mich nicht. Warum?
Ich wendete den oben beschriebenen inneren Prozess an. Und ja, auch wenn ich völlig unbeabsichtigt in diese Konstellation geboren wurde, ist es wichtig, „meinen Beitrag“ anzuerkennen, nämlich dass durch meine Existenz eine nicht offizielle, instabile Beziehung öffentlich wurde und ihn in die Selbstehrlichkeit und Entscheidungspflicht zwang, die er damals aber noch nicht zufriedenstellend beantworten konnte, weil er niemanden verletzen und allein lassen wollte, wodurch der einfachste Weg erstmal der Rückzug und die Selbstleugnung waren. Ich habe das natürlich nicht beabsichtigt, aber es ist wichtig für mich, um sein Verhalten als menschlich zu verstehen und zugleich die Rolle der Schuldigen abzulegen, indem ich mir bewusst werde, dass es seine Befangenheit, Angst und zerrissene Liebe waren, die dazu führten, dass er nicht zu mir als sein Kind stehen konnte, woraus im Sinne klassischer Familienbilder verletzende Handlungen entstanden, wenn man sie als Ablehnung deuten will.
Der Segen meiner Familienkonstellation ist eine enorm hohe Resilienz, Menschenverständnis, Eigenveranwortung und Toleranz – und das finde ich ziemlich cool. Ich empfinde daher ausschließlich Dankbarkeit für alles. Manchmal staune ich selbst, dass da kein Funke von Groll, Scham, Schuld oder Sehnsucht nach einer heileren Familie mehr ist. Früher war das so und dieses Gefühl führte in eine schwere Essstörung und Depression. Dieser innere Prozess ist also von größter Bedeutung für das eigene Wohlbefinden, weshalb es auch so wichtig ist, einen Vergebungsweg zu gehen, der unabhängig von anderen funktioniert, weil andere Personen sehr oft nicht verfügbar oder noch nicht soweit in ihrem Bewusstseinsprozess sind, was wir auch niemals erzwingen können, weshalb wir es komplett loslassen müssen, Einsicht oder Zuwendung vom anderen zu erhalten.
Vergebung braucht Verstehen, emotionale Distanz von Gesellschaftsidealen und radikalen Fokus auf deine Selbstermächtigung, andernfalls gelingt sie nie.
Have fun with it ♥️
PS: Hier hörst du das Ergebnis dieses Prozesses in Form eines Gespräches zwischen meinem Vater und mir: Zum Audio über emotionale Bindung. Ich denke, wie verbunden wir sind, ist sofort hör- und fühlbar. Was du in diesem Gespräch auch sehr schön erkennst, ist, dass weder ich Vorwurf noch er Leugnung der Vergangenheit in sich trägt – dieses harmonische, innige, wertschätzende, verständnisvolle Gespräch auf Augenhöhe ist möglich, weil wir beide ganz entspannt über die Vergangenheit sprechen und lachen können, beide unsere Schuld als Mensch integriert haben und nichts verteidigen oder einfordern müssen. Wir lachen darüber, fehlbare Menschen zu sein, und können daher ohne Scham über die wahren tiefen Bedürfnisse des Menschen sprechen, die sich keinen Idealen und Konventionen beugen. Das ist das Endergebnis des inneren Prozesses, den jeder eigenständig für sich durchläuft. Erst wer Anerkennung und Frieden mit seiner eigenen Fehlbarkeit findet und in dieser Demut bleibt, kann diesen Zustand erreichen.