Bin ich zu feige?

„Was wäre, wenn es scheitert? Wenn ich alles verliere? Wenn ich alle enttäusche?“

Heute wurde mein jüngster Sohn 7 Jahre alt. Und das Zauberhafte am Kindsein ist, dass diese Gedanken nicht in ihrem Kopf existieren. Da gibt es nichts zu verlieren. Aber ich weiß auch noch, wie mein Kopf schon mit 8 Jahren ausgefüllt war mit der Frage: „Verletze ich meine Mutter, meinen Vater oder meine Schwestern, wenn ich jetzt xyz tue oder sage?“

Mit 8 Jahren! Ich empfinde genau diesen Moment als Ende der Kindheit – wenn der Mensch nicht mehr frei handelt, sondern die Emotionen anderer zum Maßstab erklärt und vor jede Aktion einen „Gefällt das den anderen?“-Filter setzt. Denn je emotionaler und urteilender dieses Umfeld ist, desto mehr schränken wir uns ein und werden zu einer verstümmelten Version unserer selbst. Das kann durchaus eine hübsche, erfolgreiche Version sein (so war es bei mir), aber der seelische und gesundheitliche Schaden ist immens.

Aber die Frage ist: wen schütze ich in Wahrheit?

So, wie ich es hier ausdrücke, erscheint es quasi vorbildlich heroisch von einem Kind, das Wohl der anderen zu priorisieren und sich selbst deshalb entsprechend zurückzunehmen. Das ist ja auch eine heftige Leistung! Es fordert eine gigantische Impulskontrolle von einem Menschen, von einem Kind umso mehr. Tatsächlich fühlen sich diese Menschen genau deshalb auch besonders großartig und wichtig, weil sie sagen: „Ich habe die beeindruckende Disziplin, mich stets für das Wohl der anderen gänzlich zu opfern, und ohne meine Disziplin würde hier ständig Streit herrschen.“ Sie sind stolz darauf! Und wer dann mit „du bist ein Peoplepleaser“ ankommt, redet komplett an ihrem Empfinden vorbei, denn ihr vollständiger Selbstwert nährt sich daraus, andere zufrieden zu sehen, weil sie sich opfern.

Du weißt das natürlich.

Du weißt, dass sie in Wahrheit nicht die anderen schützen – sondern sich selbst.

Denn wovor haben sie in Wahrheit Angst?

Dass die anderen wütend sind? Dass sie sich gegenseitig zerfleischen?

Nein. Dass sie selbst ausgeschlossen werden und dann allein (vielleicht sogar mittellos) sind. Ihre Panik gilt der Todesangst der Einsamkeit. Sie wissen quasi gar nicht, wer sie selbst ohne die anderen sind. Wenn mein Selbstbild daraus besteht, „die Helfende“ zu sein – welchen Sinn ergibt dann noch meine Existenz, wenn da niemand ist, dem ich helfen kann?

Deshalb lieben Menschen Kinder und Tiere – zur Selbstbefriedigung. Entschuldige, das klingt jetzt böse. Aber so ist es eben. Sie fühlen sich selbst nur wertvoll, wenn sie helfen, also benutzen sie vermeintlich Hilflose(re), um ihre Schuldigkeit an ihnen zu erfüllen und nicht in Selbstvorwürfen zu versinken. Woran man das erkennt? Wenn ich ihnen die Frage stelle: „Welche Gedanken erscheinen in deinem Kopf, wenn du eine Woche lang einfach nur stumm dasitzt und den Fliegen am Fenster zusiehst?“ Dann antworten sie: „Mein Kopf würde mich in Dauerschleife anschreien, warum ich so nutzlos, egoistisch und versagend bin.“ und somit weißt du, dass sie andere Lebewesen für ihre Selbstbefriedigung benutzen und NICHT, weil die anderen wirklich Hilfe benötigen. Ja, du rettest vielleicht jemanden vor dem Tod. Aber bist du sicher, dass er wirklich gerettet werden wollte? Bist du sicher, dass er es dir in 10 Jahren noch danken wird? Und bist du sicher, dass seine Rettung wirklich im Dienste des Lebens ist?

Wer bist du wirklich?

Der Verstand ist so mächtig, dein Selbstbild immer und immer wieder nur in Relation zu anderen zu betrachten, weil er immer fragt: „Welche Daseinsberechtigung hab ich denn jetzt? Was leiste ich denn jetzt hier?“. Aber du wurdest ja nie geboren, um etwas zu leisten. Du bist genauso viel wert, wenn du niemandem hilfst und einfach nur für dein Essen, deine Unversehrtheit und einen Platz zum Schlafen sorgst. Ver-rückt ist es nur, wenn ein Mensch erwartet, andere müssten für sein Essen, seine Unversehrtheit und einen Platz zum Schlafen sorgen.

Wenn wir nun an diesem wundervollen Punkt angelegt sind, uns endlich wahrhaftig zu fragen: „Wer bin ich wirklich mit all meinem besonderen Bewusstsein, das sich aus meinem einzigartigen Lebensweg ergibt?“, und all die Pflicht- & Schuldgefühle, all die Wut, Aggression & Forderungen gegen andere, all die starren Bildungs- & Karrierewege sowie allen unterschwellig antreibenden Konkurrenzkampf mit dem Vater, der Mutter oder den Geschwistern loslassen, dann….

….ja, dann kommt plötzlich die Frage: „Bin ich zu feige, umzusetzen, wer ich wirklich bin und was ich als Konsequenz daraus in die Welt zu bringen habe?“

Hier beginnt Selbstermächtigung.

Jetzt kannst du auf dich selbst schauen, dich schwach und klein fühlen und antworten:

„Ja, ich packe das nicht.“

Oder aber du schaust dich an und sagst: „Verdammte Kacke noch mal: NEIN! Ich lasse nicht zu, meine Feigheit siegen zu lassen! Ich stehe für meine Würde ein und erschaffe mein freies Leben aus mir selbst heraus!“

Und jetzt….

….jetzt passiert etwas Magisches!

Du hilfst niemandem.

Du kümmerst dich um niemanden.

Du rettest niemanden.

Und zugleich hilfst du allen und kümmerst dich um alle und rettest alle – denn indem du aus dir selbst heraus ganz egoistisch für deine ganz persönliche Würde einstehst und dein freies Leben erschaffst, schaffst du für ALLE den Raum, genau das ebenso aus sich selbst heraus zu tun. Und nun erschafft jeder aus sich selbst heraus die Fähigkeit und den Selbstwert, dies zu tun. Nur das befreit den Menschen wirklich.

Als ich mit 14 bis 21 Jahren in einer schweren Bulimie und Depression steckte und mit dem Überleben kämpfte, kamen viele Menschen zu mir, die mir helfen wollten. Und ZUM GLÜCK konnte mir niemand helfen. ZUM GLÜCK!!!!! Denn hätte mir jemand helfen können, was glaubst du wohl, wäre daraus für ein Selbstbild bei mir entstanden? Ein selbstermächtigtes? Oder viel mehr ein: „Oh mein Gott, ich komme allein nicht klar, ich brauche immer andere, damit ich lebensfähig bleibe.“? Hätte mir jemand helfen können, wäre ich zwar vielleicht gesund, aber auf ewig ein gebrochener Mensch gewesen.

Die Menschen, die an deiner Seite sind und bleiben, wenn du als selbstermächtigter Mensch vorangehst – sind deine wahren stärkenden Lebensbegleiter. Alle anderen – und ich weiß, das klingt böse – sind in Wahrheit dauerhafte emotionale Belastung, weil du permanent gegen dich selbst arbeiten musst, um sie bei dir zu halten.

Ein Hoch auf deine Selbstermächtigung!

In Liebe, Leonie




WERDE MITGLIED IN LEONIES POWER-CLUB: leoniemalinowski.de/oliveda

Related Post