Feedback geben als servant Leader

Wir haben so viel Bullshit über Feedback-Regeln gelernt – worum geht es wirklich?

Ja, wir kennen den Quark alle. Ich teile es noch mal mit dir, damit der Unterschied gleich deutlich wird.

1. Konkret statt allgemein

  • Nicht: „Du machst das immer falsch.“
  • Sondern: „In der Präsentation gestern war die Struktur schwer nachvollziehbar.“

2. Beschreiben statt bewerten

  • Beschreiben, was beobachtet wurde, statt es moralisch zu bewerten.
  • „Mir ist aufgefallen, dass …“ statt „Das war schlecht.“

3. Ich-Botschaften statt Du-Vorwürfe

  • „Ich hatte Schwierigkeiten, deinem Gedankengang zu folgen.“
  • Keine Verteidigungshaltung.

4. Verhaltensbezogen, nicht persönlich

  • Fokus auf konkrete Handlungen, nicht auf Charaktereigenschaften.

5. Zeitnah geben

  • Möglichst bald nach der Beobachtung, damit Situationen noch präsent sind.

6. Ausgewogen und konstruktiv

  • Positives und Verbesserungsbedarf benennen.
  • Ziel: Unterstützung, nicht Kritik um der Kritik willen.

7. Orientiert an Entwicklungszielen

  • Feedback sollte helfen, Fähigkeiten weiterzuentwickeln.

8. Nur so viel wie nötig

  • Nicht überladen; ein bis drei zentrale Punkte reichen.

9. Freiwilligkeit und passende Situation

  • Feedback ankündigen und sicherstellen, dass die andere Person bereit ist, zuzuhören.

10. Nachfragen und Dialog zulassen

  • Feedback ist kein Monolog: „Wie siehst du das?“ – „Was brauchst du, um daran zu arbeiten?“

Soweit, so gut.

Nachdem wir es uns noch mal kurz vor Augen geführt haben, erzähle ich dir nun, warum es mich psychisch krank gemacht hat, in einem Akademiker-Haushalt aufzuwachsen, in dem diese Lehren bis zum Erbrechen inklusive Gewaltfreier Kommunikation nach Rosenberg praktiziert wurden, obwohl man doch meinen sollte, dass es dann nie wieder Konflikte gäbe…

Worüber nämlich keiner spricht, ist: wie übergriffig es ist, darüber zu urteilen, was für einen anderen Menschen richtig oder falsch sei, und ihm vorzuschreiben, wie er sich korrekt zu verhalten hätte.

Die meisten nennen es Feedback, wollen aber in Wahrheit ihre Unzufriedenheit oder Verletztheit beim anderen auskotzen, ihre Ängste zum Problem des anderen machen oder dem anderen ihre Ideale aufzwingen und ihm vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hätte, damit dieser ihr Nervensystem wieder beruhigt. 

Wir müssen also zu allererst festhalten: jeder Mensch ist einzig und allein für sein beruhigtes Nervensystem verantwortlich. Wird dieses von einem anderen getriggert, ist es nicht dessen Zuständigkeit, sich zu entschuldigen und zu verändern, auch wenn das die Etikette so besagt. Natürlich hilft ein freundliches Gespräch, wie etwas ankam. Aber es verändert die ganze Situation, wenn die Verantwortlichkeiten klar sind, sodass keine verdrehte Erwartungshaltung mitschwingt. Und mit dieser einen Regel erledigen sich 99% aller Feedbackgespräche und Entschuldigungsforderungen. Manche Menschen drehen vollkommen durch und führen imaginäre Kritiklisten, die sie dann bei passender Gelegenheit rausholen, um dem anderen deutlich zu machen, was er alles ständig falsch macht. AUFHÖREN! So einen Scheiß machen wir nicht! Ja, das ist ein Urteil – weil es um die Differenzierung geht, wann sich ein Mensch übergriffig und wann integer verhält. 

Unser Ziel ist es: einen integren Umgang zu verinnerlichen, durch den sich jeder erinnert, dass er stets im Einklang mit seiner inneren Führung korrekt handelt, auch dann, wenn andere es nicht verstehen oder anders handeln würden.

Es ist dazu wichtig, zu verstehen, dass der Mensch immer in Kontexten handelt: Wir passen instinktiv unsere Wortwahl, Körpersprache und Verhalten an, je nachdem, wem wir gegenüberstehen und was gerade im größten Dienst für diesen Menschen ist. Alles ist Ergebnis von Resonanz. Und Resonanz entsteht aus dem Kontext, mit wem ich gerade in Resonanz trete. Es braucht jahrelanges Training, um aus diesem Resonanzspiel auszusteigen, und dennoch geschieht es unbewusst, weil es einfach Teil unserer Natur ist, uns auf unser Gegenüber einzuschwingen und einen tieferliegenden Zweck des Wachstums füreinander zu erfüllen. Mit manchen treten wir in extrem starke, aufreibende Resonanz, mit anderen ist es kaum spürbar. Das ist normal und das lässt sich nur durch extreme Innenfokussierung und tiefgehendes Bewusstsein über die eigenen Dynamiken durchbrechen. Sprich: 99% der Menschen können das nicht – ihre Handlungen sind nicht Ausdruck ihres Könnens bzw. Nicht-Könnens, sondern wie stark sie gerade im Resonanzspiel mit ihrem Gegenüber verloren gingen. 

Was heißt das: „…was gerade im größten Dienst für diesen Menschen ist.“?

Der Mensch macht niemals Fehler. Vergiss dieses Urteil. Der Mensch erfüllt einen Dienst. Für sich selbst und für andere. Und da wir uns noch in einer Phase der menschlichen Entwicklung befinden, in der der Mensch sich sehr viel Mühe gibt, die Augen zu verschließen und vor sich selbst wegzurennen, gibt es regelmäßig Situationen, in denen ein anderer genau das triggert, wovor wir wegschauen wollen, weil es uns in die wahre Eigenverantwortung und Selbstehrlichkeit bringen würde, die aber leider unbequem und schmerzhaft ist. Statt dann wütend zu sein, wäre es der größte Mehrwert, sich unendlich bei dieser Person zu bedanken und endlich über den Trigger hinauszuwachsen, indem man ihn selber für sich (unabhängig vom Verhalten des anderen) löst, weil er dich erkennen ließ, wie abhängig du dich noch von anderen oder von einem bestimmten Ergebnis oder Zustand gemacht hast. „Fehler“ dienen also einem höheren Zweck des Wachstums in die eigene Freiheit, Größe und Gelassenheit und somit ist es Quatsch, sie zu bestrafen oder jemandem vorzuwerfen. Wir haken sie ab und überlegen vielleicht noch, wie ein konstruktiverer Umgang oder effizienterer Weg hätte aussehen können, ohne den alten zu verurteilen. Denn wir können uns in jedem Moment bewusst machen: egal, wie dramatisch ein Fehler erscheint, das Ergebnis dient dem schnellsten Weg zum Endziel. Und wenn wir uns dann stattdessen im Drama oder Konflikt verlieren, bremsen oder blockieren wir diesen Weg.

Stell dir vor, ein Mitarbeiter hätte mit einer Mail bewirkt, dass ein Großkunde abspringt und somit mehrere Millionen Euro Umsatz flöten gingen. Klassisch wären wir nun wütend auf den Mitarbeiter, richtig? Wenn wir aber das wahre Endziel im Blick haben, dann gehen wir stattdessen blitzschnell in die Haltung: „Geil! Dass dieser Kunde weg ist, macht bei uns Ressourcen frei, die wir nun nutzen können, um unseren wahren Traumkunden kennenzulernen, der uns viel mehr Auftragsvolumen einbringt und mit dem wir somit unser wahres Endziel in kürzester Zeit erreichen, statt uns mit dem Alten weiter zu quälen.“ Das ist keine Schönrederei, das ist Bewusstsein, Fokus und Effizienz. Es bindet nämlich viel mehr Energie, sich aufzuregen, zu schimpfen und damit das ganze Team zu demoralisieren, statt voller Freude und Power voranzugehen.

Hinzukommt, dass wir manchmal Menschen oder Situationen begegnen, die sich wie eine Seelenbegegnung anfühlen. Das klingt erstmal etwas esoterisch, aber wenn du es einmal erlebt hast, dann weißt du, dass es ein wirklich so anderes Gefühl ist als alles, was du gewöhnlich erlebst. Du fühlst dich fast wie fremdgesteuert. Es ist ein Gefühl, wie: „Ich musste es einfach tun. Obwohl ich wusste, wie dumm es ist.“ Ja, sowas wirkt dann für Außenstehende wie „auf Abwegen“, aber da wirkt etwas in uns, das geschehen muss, ohne dass wir es erklären oder verweigern können. Sollte man dafür jemanden verurteilen? Nein. Der Wert liegt weit über unseren Vorstellungen.

Heißt das, wir geben gar kein Feedback mehr?

Doch. Aber erstens verstecken wir nie wieder übergriffiges Feedback hinter einschleimenden Feedbackregeln, die jeder Dreijährige sofort als manipulativ-übergriffig erkennt. Das heißt: niemals würde die Botschaft eines Feedbacks lauten „Du bist auf Abwegen. Du machst das falsch.“, denn was richtig ist, kann nur die Person selbst beurteilen. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Selbst ein Rechtschreibfehler ist neutral. Denn wenn wir in Resonanz denken, dann wüssten wir: Ja, für den einen ist eine korrekte Rechtschreibung das A und O – ein anderer aber wiederum fühlt sich genau durch die Fehler mit diesem Menschen verbunden, weil er ebenfalls keine gute Rechtschreibung hat. Und ein nächster meckert nun über falsche Rechtschreibung – und genau so filtern wir die Vollidioten unter den Kunden (= diejenigen, mit denen wir in eine zu anstrengende Resonanz gehen) raus und können die Energievampire ganz schnell weiterziehen lassen. KONTEXT. Wenn wir alle in Resonanz handeln, dann können wir zwar unseren Umgang nicht mehr so herrlich standardisieren, wie es sich die Controller wünschen, aber stattdessen gehen wir wieder individuell auf unser Gegenüber ein und bauen echte emotionale Verbindung auf, die insbesondere im Premiumbereich der ausschlaggebende Faktor der Kundenbindung ist.

Wann und wie geben wir also Feedback?

Dienendes Feedback hat nur eine einzige Botschaft: „Ich weiß, welche wahre Größe in dir steckt! Hör auf, klein zu spielen! Und jetzt geht’s mit voller Kraft voran!“

Dann, nur dann geben wir Feedback. Mit diesem Wunsch an den anderen. Das ist die tiefste Liebe: „Ich will dich in deiner wahren strahlenden, authentischen, ehrlichen, stolzen Größe sehen. Du weißt, was du wirklich kannst! Du weißt, was du wirklich willst! Zeig es der Welt!“

Wenn wir in dieser inneren Haltung unser Gegenüber anschauen, dann kann es durchaus zwischendurch vorkommen, dass wir ehrlich und direkt sagen: „Du, das war hier grad echt Scheiße.“ – aber das ist dann in keiner Weise verletzend oder belehrend. Wir spüren den Unterschied sofort. Auf dieser Basis ist dieser Kommentar ein Geschenk und braucht keine dämliche GFK-Verschleierung, wir können sie sofort zustimmend, meist sogar über sich selbst lachend annehmen. Will ich aber den anderen dazu missbrauchen, mein getriggertes, verängstigtes, beleidigtes, besorgtes, wütendes Nervensystem zu beruhigen und ihn dafür manipulieren, nach meinen Erwartungen zu handeln, funktioniert es nicht.

„Das war Scheiße – das kannst du viel besser! Ich weiß, wie genial du bist!“ – das empowert.

„Abgehakt. Wie wollen wir nächstes Mal damit umgehen?“

„Feigling! Hör auf, andere für dein Wohlbefinden verantwortlich zu machen und vor deiner eigenen Angst wegzulaufen. Du versuchst gerade, den anderen schlecht zu reden, um dir selbst einzureden, es sei richtig, was du tust. In Wahrheit hast du Angst vor deiner eigenen Courage und machst dich klein. Willst du das wirklich?“

„Ich weiß, was deine wahren Stärken sind. Und auf die konzentrierst du dich jetzt!“

„Was ist wirklich los? Komm, wir gehen was trinken und quatschen ein wenig.“

„Was brennt dir wirklich auf der Zunge? Sag es einfach. Ich verspreche, ich werde nicht wütend oder verletzt reagieren. Ich nehme alles an, was du sagst, und nehme ohne Widerworte oder Rechtfertigungen das Wertvolle für mich mit.“

„Wenn alles möglich wäre, was würdest du dir wirklich wünschen? Wie können wir das jetzt sofort symbolisch oder faktisch umsetzen? Und welche Schritte sind zu gehen, um es komplett zu realisieren?“

„Du kannst das! Atme tief durch und mach es noch mal.“

„Wo fühlst du dich gerade unsicher, ungesehen oder unzufrieden? Was hättest du dir vom anderen gewünscht? Gut, jetzt sag genau diesen Satz dir selbst. Du brauchst keinen anderen. Und in dem Gefühl machst du es jetzt noch mal neu.“

„Wer bin ich, darüber zu urteilen, was richtig und falsch ist? Es ist richtig, wie es sich für dich richtig anfühlt. Und genau das findest du jetzt und ich werde mit allem einverstanden sein und hinter dir stehen.“

„Wo fehlt dir Unterstützung? Alles klar, dann besorgen wir jetzt dafür eine Person und dann macht ihr es gemeinsam richtig genial!“

„Ja, du hast absolut Recht, wütend auf mich zu sein. Es tut mir aufrichtig leid. Ich gebe mein Bestes, es jetzt besser zu machen und einen Weg zu finden, der für uns beide passt.“

So klingt dienendes Feedback, das die wahre Größe des anderen, die starke Beziehung und das genialste Ziel im Blick hat. 

In Liebe, Leonie

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