30. April 2026

Was wirkt hinter dem Symptom und Konflikt?
Heute gebe ich dir ein paar ausgewählte Loyalitätsdynamiken mit, um ein tieferes Verständnis für die Zusammenhänge und Vorwürfe, mit denen man konfrontiert wird, zu bekommen.
„Mein Bruder ist ein Säufer. Der Versager. Dem gönne ich nichts vom Erbe.“
Die systemische Dynamik hinter Alkoholismus bei Männern ist die Loyalitätsbeziehung zur männlichen Familienlinie, meist Vater und/oder Opa. Wenn es hier schwere Familienschicksale gab, wächst ein Junge mit einem Gefühl von Haltlosigkeit, Schwermut, Härte & Erfolgsdruck auf. Entweder zerbricht er daran bereits sehr früh und kommt beruflich nie auf die Beine oder er bricht im höheren Alter zusammen, wenn er mental und körperlich nicht mehr die Kraft hat, zu überperformen. Auf der tieferen Ebene wirkt der Satz & Antreiber in ihm: „Papa, für dich zeige ich der Welt, wie stark ein Mann wirklich ist.“ und solange er sich für kompetent & schlau hält, treibt ihn dies zu Höchstleistungen an, zerstört ihn aber umso mehr, wenn er scheitert, weil sein ganzer Selbstwert auf Erfolg & Leistung projiziert ist. Um mit dem Erfolgsdruck, Selbstkritik und Angst vorm Scheitern klarzukommen, trinkt er. Er ist ein hochsensibler Mann, der jedoch seinen Schmerz, seine Unsicherheit & Angst mit Alkohol unterdrückt.
Geschwister übernehmen entweder die Abwertung oder machen sein Leid zum Tabuthema, wodurch er in seinem Zustand gefangen bleibt. Versöhnung ist möglich, wenn das Familienschicksal angeschaut wird, weil dadurch wieder eine gemeinsame Verbindung und Verständnis entstehen und die Schutzmauer, für deren Aufrechterhalten Alkohol nötig war, losgelassen werden kann.
„Meine Schwester ist eine Schl*mpe! Guck, wie sie sich kleidet und ständig Treffen mit Männern hat. Mit der reden wir nicht mehr.“
Auf dieser Basis entstehen wundervolle Kriege zwischen Geschwistern, wenn’s dann ums Erbe, die Pflege der Eltern oder Unternehmensübergabe geht. Darüber zu diskutieren, führt nicht zur Lösung. Und auch die beste Erbaufteilung vom Anwalt führt nicht zum Frieden.
Aber Versöhnung ist möglich. Wenn wir den Konflikt systemisch betrachten und die unsichtbaren Dynamiken erkennen.
Es herrscht hier eine Loyalitätsbeziehung zur Herkunftskultur, die gewöhnlich mit der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft verknüpft ist. Ein Ja zur Schwester würde den Ausschluss aus der kulturellen Gemeinschaft bedeuten. Es ist also kein Nein zur Schwester, sondern die Panik vor Zugehörigkeitsverlust und damit verbundenem sozialen und finanziellen Abstieg. Zudem besteht die Loyalitätsbeziehung zu den (auch bereits verstorbenen) Eltern, die im Namen ihrer Gemeinschaft das Verhalten der Tochter als Schande verurteilten und sowohl die Zugehörigkeit fürchteten als auch ihren Selbstwert vom Ansehen ihres Kindes abhängig machten, der zerbricht, würden sie der Tochter zustimmen. Um sich aus der Schuld zu winden, betreibt die Familie Scapegoating = sie erklären die Tochter zum Problemträger.
Mit diesem Wissen können wir auf den wahren Schmerz eingehen und der andere wird wieder zuhören, weil er sich gesehen fühlt. Das Wechseln der Kleidung oder das Verbot, Männer zu treffen, wird losgelassen, denn nun schaffen wir Lösung am Kern: dem Wunsch nach Zugehörigkeit.
„Der W*chser hatte eine Affaire. Meinen Halbbruder kenne ich nicht. Er ist jetzt 43.“
Bei Affairen ist es typisch, dass das uneheliche Kind ausgeschlossen und (sehr lange) verheimlicht wird. Die erstgeborenen Kinder sind in einer Loyalitätsbeziehung zur Mutter, die stinkwütend ist auf ihren Mann. Ihre Kinder ergreifen Partei für sie, weil sie ihren emotionalen Schmerz fühlen und sie als Opfer betrachten, und blenden das Halbgeschwister aus. Auf der emotionalen Ebene gibt es jedoch kein „Halb“, daher fühlen sie eigentlich Sehnsucht zur Verbindung, die sie aber der Mutter zuliebe unterdrücken – daraus entwickeln sie unbewusst schwere Schuldgefühle, die sich aus Selbstschutz als Wut auf den Vater, die zweite Frau und ihr Kind sowie als Überheblichkeit, Ignoranz & Rechtfertigung des „einzig wahren“ Tochter-/Sohn-Status zeigen. Um ihren Status (der natürlich auch mit einem Kampf um die Erbberechtigung einhergeht) zu behaupten und die Mutter zu schonen (und oft auch zu rächen), verweigern sie den Kontakt zum Halbgeschwister. Dem Vater gegenüber nimmt ein Kind die Rolle des Moralapostels & Richters ein, während sich das andere vorwiegend enthält, insgeheim aber Mitgefühl mit dem Vater hat und sich daher emotional von der Mutter distanziert.
Das Halbgeschwister fühlt sich schuldig am Familiendrama und macht sich entweder unsichtbar oder zum Kämpfer der Mutter: in beiden Fällen opfert es die Beziehung zu den Geschwistern, weil die Loyalitätsbeziehung zur Mutter wichtiger ist.
Der Vater verweigert seiner Frau zuliebe den Kontakt oder um sich selbst vor seinen Gefühlen zu schützen.
Geschwister-Versöhnung ist möglich, indem die Kinder das Retter-Täter-Opfer-Dreieck und alle übernommenen Schuldzuweisungen & Verurteilungen der Eltern verlassen. Genau das gelingt binnen 60 Minuten durch eine Familienaufstellung.
„Die blöde Kuh! Meine kleine Schwester wurde immer bevorzugt und bildet sich ein, sie sei was Besseres.“
Wir sehen hier eine typische Rollenverdrehung: das jüngere wird vor das ältere Geschwister geschoben, dadurch entsteht beim Älteren ein heftiges Gefühl von Ungerechtigkeit und Verletzung durch fehlende Anerkennung. Die Wut projiziert sich auf die jüngere Schwester, obwohl eigentlich die Eltern der Ursprung der Verdrehung sind.
Eine solche Verdrehung entsteht aus einem tiefen Schuld- oder Rachegefühl der Eltern: wenn ein Elternteil selbst der Jüngste war oder sich mit Persönlichkeitsmerkmalen des Kindes identifiziert und sich in seiner Kindheit stark benachteiligt fühlte, wird dies bei den eigenen Kindern durch Bevorzugung des einen und Zurechtweisung des anderen kompensiert. Oder wenn ein Kind eine Benachteiligung hat (Behinderung, Frühchen, schwerer Start ins Leben, langes Warten auf die Schwangerschaft, Krankheit, Trennungskind, Tod eines Elternteils etc) führen die Schuldgefühle zu Bevorzugung.
Dies ist kein Nein zum älteren Kind – es ist die Folge von emotionaler Überforderung & Mangel-Identifikation.
Auf noch tieferer Ebene sehen wir gewöhnlich eine Loyalitätsbeziehung zu einem ausgeschlossenen Familienmitglied. Oft war mit dem Ausschluss ein schweres Schicksal verbunden: Deportation, Mord, Drogentod, Psychiatrie, Gefängnis etc. Dadurch potenziert sich das Schuldgefühl, wodurch der Umgang mit den eigenen Kindern ein extremeres Ausmaß annimmt, als verständlich ist.
Das bevorzugte Kind tut, was immer getan werden muss, um das Schuldgefühl der Eltern zu mildern: sein forderndes, überhebliches Auftreten ist keine Charaktereigenschaft, es ist die logische Reaktion, um die Eltern, die meist über die wahre Trauer nicht sprechen, zu schützen und ihren Schmerz zu tragen, um sie emotional zu entlasten.
Versöhnung ist möglich, indem das damals ausgeschlossene Familienmitglied in den Blick geholt wird und die jüngere Schwester an ihren rechtmäßigen Platz geht.
„Der soll sich verpissen! Mein Bruder schwimmt in Geld und jetzt verklagt er mich auf Schadensersatz.“
Auf systemischer Ebene ist die Klage der verzweifelte Versuch, in Verbindung zu bleiben. Ja, eine Schadensersatzklage (die möglicherweise nicht die erste ist) sieht aus wie eine Aktion des Hasses, in Wahrheit ist es tiefe Liebe. Der Bruder weiß: wenn er keinen Streit vom Zaun bricht, stellt der andere den Kontakt ein. Nur durch Wut provozierende Aktionen bleiben sie im Austausch. Dies kann zwei Gründe haben: 1. in seiner Kindheit oder 2. nach einem traumatischen Ereignis des Geschwister, das diesen emotional dazu zwang, sich zurückzuziehen oder sogar seinen Lebenswillen gänzlich aufzugeben, lernte der Bruder, dass Beziehung nur durch Provokation stattfindet und das Geschwister von seinem wahren Schmerz ablenkt. Es ist ein emotionales Ablenkungsmanöver. Sehr oft sind die Geschwister auch schon bereits Stellvertreter: das traumatische Ereignis fand oft mehrere Generationen vor ihnen statt, wird aber als tiefer „Sog in den Tod“ oder „Wunsch nach Einsamkeit“ emotional und als Verhaltensmuster weitergegeben. Nun provoziert der Bruder zwar Wut, aber so hält er alle am Leben, weil sie dadurch eine lebensverlängernde Motivation für Rache und Ausgleich haben. Es klingt abstrus und dreimal im die Ecke gedacht: aber wenn man auf normalem Wege nicht mehr an einen Menschen emotional herankommt, wird zu diesen Mitteln als Schutzmaßnahme gegriffen.
Es geht nicht um Geld und auch nicht um den Schaden. Versöhnung ist möglich, indem das verklagte Geschwister die Loyalitätsbeziehung zum tabuisierten Schmerz der Familie loslässt und voller Dankbarkeit auf seinen Bruder zugeht, der ihm das Leben rettete, weil er ihn nicht seinen selbstmörderischen Gedanken überließ. Wir gehen somit in die umgekehrte Bewegung: statt auf Klage mit Wut zu reagieren, antworten wir mit Dankbarkeit. Das Streitobjekt wird dann schlagartig unbedeutend.
Diesen inneren Prozess vollziehen wir in einer 60-minütigen Session ohne Anwesenheit des Bruders durch eine systemische Loyalitäts-Aufstellung.
Wusstest du außerdem….
…dass Menschen auf der emotionalen Ebene sowohl Tiere als auch Gegenstände, wie Immobilien und Autos , als Stellvertreter für Familienmitglieder benutzen?
Sicher ist es dir bei Haustieren schon mal aufgefallen, wie Menschen statt eigener Kinder Hunde oder Katzen haben, die dann genauso bemuttert werden, wie man es mit Kleinkindern tun würde. Auf einer tieferen Ebene stehen die Tiere oder Gegenstände für fehlende Geschwister oder ersehnte eigene Kinder. Du erkennst die „systemische Verstrickung“ daran, dass eine übertriebene Emotionalität herrscht, die man normalerweise nur engen Menschen entgegenbringen würde. Stellt man die Person dann mit allen, auch den verstorbenen, abgetriebenen und unbekannten, Geschwistern auf, was lustigerweise dann genau der Anzahl der Tiere/Immobilien/Autos etc. entspricht, kommt sie zur Ruhe und die Bedeutsamkeit der Tiere oder Gegenstände hört schlagartig auf. Welchen Sinn das hat? Es kommt immer irgendwann der Moment, dass man Tiere und Gegenstände loslassen muss – hängt ein Mensch jedoch durch die systemische Verstrickung irrational stark daran, weil sie für ihn eine unfassbar tief stabilisierende Bedeutung haben, kann er nicht loslassen und bringt sich dadurch selbst emotional zu Fall, weil er z.B. nicht verkauft oder nach dem Tod des Tieres die Lebensfreude verliert.
Zwei Grundsätze gelten für jeden Menschen:
1. die emotionale Ebene kennt keinen Tod und keine Vernunft – sie kennt nur emotionale Verbindung und Sehnsucht nach Ganzheit (wie ein Atom, das nach einem stabilen Zustand strebt und dafür Elektronen aufnimmt oder abgibt).
2. der Mensch handelt immer logisch, egal wie unlogisch/unmenschlich es auf den ersten Blick erscheint – machen wir alle Loyalitätsbeziehungen sichtbar, versteht jeder sofort sein Empfinden und Verhalten.
Hier findest du weitere Fallbeispiele: zu den systemischen Fallanalysen
Diese Dynamiken analysieren wir in der Weiterbildung zum Geschwister-Coach für Erwachsene.
Hier findest du alle Inhalte in der Übersicht und auf der letzten Seite gelangst du zur Anmeldung:
Schick mir deine Bewerbung, wenn du teilnehmen möchtest an info@leoniemalinowski.de
Buche eine Einzelsession, um die Loyalitätsbeziehungen in deinem System (privat oder beruflich) sichtbar zu machen und Kontaktabbrüche oder Konflikte nachhaltig zu lösen. Schreib mir, um einen Termin zu vereinbaren.
Ich wünsche dir ein wundervolles langes Wochenende und ganz viel Freude!
In Liebe, Leonie
Expertin für Lösung von Kontaktabbruch & Konflikten zwischen Geschwistern & Halbgeschwistern bei Erbe, Elternpflege, Unternehmensübernahme oder Zusammenarbeit.