19. Oktober 2026

…wurde mein Vorfahre Graf Stefan Schlick geboren, der einflussreicher böhmischer Adliger, Bergbauunternehmer und der Gründer der Silberbergstadt St. Joachimsthal im heutigen Tschechien wurde. 1520 erhielten er und seine Brüder das Münzrecht für die Silbermine und ließen den Joachimsthaler (auch Schlicktaler genannt) prägen, der später zum historischen Vorbild des US-amerikanischen Dollars wurde. Einst im 14. Jahrhundert als Tuchhändler begonnen, wurde meine Familie durch das Silberwerk zu einer der reichsten Familien Mitteleuropas.
Vor Stefan verdankte die Familie Kaspar Schlick (ca. 1396-1449) den Aufstieg zum ersten bürgerlich-laienischen Großkanzler des Heiligen Römischen Reiches, indem er den drei römisch-deutschen Königen diente, Sigismund, Albrecht II. und Friedrich III. Durch seine diplomatischen Verdienste erlangte meine Familie 1437 den Reichsgrafenstand und stellten somit das älteste Grafengeschlecht Böhmens.
Doch Reichtum in Adelshänden war damals auch eine Bedrohung für Machthaber.
Der durch das Silberwerk entstandene unermessliche Reichtum und die Unabhängigkeit der protestantisch gesinnten Schlicks meiner Familie waren den katholischen Habsburgern ein Dorn im Auge und so entzog König Ferdinand I. meiner Familie 1547 das Münzrecht nach dem Schmalkaldischen Krieg. 1618 zog Joachim Andreas von Schlick als Anführer des protestantischen böhmischen Ständeaufstands gegen die Habsburger in den dreißigjährigen Krieg. Nach der Niederlage wurde er verhaftet und am 21. Juni 1621 auf dem Prager Altstädter Ring öffentlich hingerichtet. Große Teile des Schlick’schen Familienbesitzes wurden von der Krone beschlagnahmt.
Angeführt von Heinrich Schlik zu Bassano und Weißkirchen, blieb der katholische Zweig der Familie jedoch treu zu den Habsburgern. Heinrich stieg zum kaiserlichen Feldmarschall und Hofkriegsratspräsidenten auf, wodurch er einen Teil der Güter der Familie retten konnte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei im Jahr 1948 wurden die Schlicks erneut komplett enteignet und vertrieben. Nach der Samtenen Revolution von 1989 kehrten Familienmitglieder zurück und bekamen einige historische Besitztümer (wie die Schlösser Jičínéves und Vokšice) restituiert.
Mein Uropa kam nach dem Zweiten Weltkrieg ins Gefängnis, weil er als Unternehmer Zwangsarbeiter beschäftigt hatte. Die Familie verlor alles. Seine Tochter, meine Oma, hatte ihren Ehemann im Krieg verloren, erkrankte als alleinerziehende Witwe an Tuberkulose und sah sich bereits im Sterben. Dann lernte sie meinen Opa kennen und baute ein neues Leben auf.
Warum erzähle ich das?
Mein Mentor, Bert Hellinger, sagte stets: „Wir werden von etwas Größerem geführt.“
Unsere Familiengeschichte prägt ein Bewusstsein in uns, das weit über unser eigenes winziges Leben hinausgeht und sich wie ein roter Faden durch jede Generation zieht und emotionale Aufarbeitung fordert. Kriege, Morde, Tod, Reichtum, Verarmung, Deportation, Vertreibungen, Enteignung, Suizide… wir werden nicht als unbeschriebenes Blatt geboren, wie man gern behauptet. Ob wir wollen oder nicht, tragen wir Geschichte in uns.
Kennst du dieses Gefühl, dass du an einen dir unbekannten Ort kommst und dich spontan heimisch fühlst? Und dann später erfährst, dass deine Familie eine historische Verbindung dazu hat. Spannend, oder? Als würden sich die Zellen an etwas erinnern.
Unsere Träume und unser innerer Antrieb sind nicht bloß eine Laune der Natur, sie entwickelten sich über Jahrhunderte und mündeten in dir. Zu wissen, woher du kommst, macht dir verständlicher, warum du bist, wie du bist, und warum dich manch eine Sehnsucht oder Schuld treibt, die du dir selbst kaum erklären kannst.
In Europa haben wir den Bezug zu unseren Vorfahren stark verloren. Die meisten wissen nicht einmal, wie ihre Urgroßeltern hießen. Überall sonst auf der Welt wird dieses Wissen sehr gepflegt und man ist sich dessen sehr bewusst, wie prägend Familiengeschichte ist.
Können wir unserem Schicksal entkommen?
Bert Hellinger erzählte gern folgende Geschichte:
Ein 26-jähriger Mann kam zu ihm ins Seminar. Er erzählte, dass er immer stärker werdende Selbstmordgedanken hätte, je näher er auf seinen 27. Geburtstag zugehe. Es stellte sich heraus, dass bereits sein Großvater und sein Vater sich mit 27 Jahren das Leben genommen hatten und er einen tiefen Sog zu ihnen in den Tod fühlte. Ihr Schicksal zu wiederholen, war das, was er als größte Erlösung empfand. Er fühlte sich nicht würdig, länger zu leben als sie. Man nennt dieses Phänomen in der Psychologie „Anniversary Syndrome“ oder „Altersidentifikation“, das sowohl durch Gedanken und Emotionen als auch körperliche Symptome zum Ausdruck kommt.
Nun stehst du an diesem Scheidepunkt deines Lebens.
Bedeutsam ist, zu verstehen, dass die Wiederholung des Schicksals deiner Familie dir ein gutes Gefühl gibt, auch dann, wenn es in Wahrheit dein schlimmstes Elend ist. Überwiegend zeigt es sich sehr simpel in Form desselben beruflichen Weges, der natürlich nicht nur Annehmlichkeiten, sondern auch viele Unannehmlichkeiten mit sich bringt, die du billigend in Kauf nimmst, weil du es nicht anders aus deiner Familie kennst. Der kindliche Teil in uns fühlt immenses schlechtes Gewissen, wenn du glücklicher, erfolgreicher, gesünder, lebendiger, freier, selbstbestimmter bist als deine Vorfahren und kann dieses schlechte Gewissen beruhigen, wenn du ebenso Leid erträgst wie sie. Die Beruhigung dieses „schlechten Gewissens“ erlebst du als Sog und erscheint dir als größte Erlösung, da ein Leben in Schuld emotional schlimmer ist als der (sinnbildliche) Tod in Frieden.
Aber….
Du musst diesem schlechten Gewissen nicht folgen.
Dieser 26-jährige junge Mann stand nun vor der Entscheidung: „Will ich sterben wie sie oder entscheide ich mich für das Leben?“
Das ist die Lösung. Sie liegt in deiner Hand. Sie ist kein auswegloser Gang der Dinge.
Nein, du musst kein Schicksal wiederholen.
Die Strömungen deiner Familiengeschichte wirken unbewusst in dir – und indem du bewusst wählst: „Ich entscheide mich für mein glückliches Leben.“, durchbrichst du diesen Kreislauf.
Es bedeutet, bewusst einen Weg der emotionalen Freiheit zu wählen, auch wenn die Stimme in dir laut „Vergeltung! Recht! Rache! Verbannung! Krieg! Härte!“ schreit.
Wir folgen unserem Familienschicksal so viel häufiger im Alltag, als es uns ansatzweise bewusst ist. Es sind diese kleinen Momente, in denen du zulässt, aus Verletzung oder Angst zu handeln, statt innezuhalten, durchzuatmen und dich zu fragen: „Was würde die Liebe tun?“. Leider gilt dies als Schwäche, weil es beispielsweise unternehmerisch hieße, NICHT Geld oder Leistung einzuklagen, sondern entgegen der überkochenden Wut den verletzlichen Menschen hinter der enttäuschenden Handlung zu sehen, ins offene Gespräch zu gehen und gemeinsam einen geduldigen Weg zu finden oder die eigene Forderung loszulassen und sich zu freuen, wenn 10 Jahre später unerwartet etwas zurückkommt – weil du bewusst Vertrauen in den Menschen und sein Bemühen gewählt hast, woraus die tiefste Dankbarkeit entspringt und das Leben dir auf zahlreichen Wegen Zuwendung schenkt. Es hieße: NICHT um die Kinder zu kämpfen, weil du weißt, dass ihnen dies nachhaltig schaden würde, sondern sie in Liebe loszulassen und darauf zu vertrauen, dass sowohl der Partner als auch die Kinder von sich aus liebevoll auf dich zukommen, weil sie die Freiheit fühlen, aus eigener Entscheidung zum für sie richtigen Zeitpunkt, auf die für sie richtige Weise kommen und gehen zu dürfen. Es hieße: NICHT auf die Opferhaltung eines Menschen einzugehen, weil du weißt, dass dies seinen Zustand zementieren würde, sondern in absoluter Ruhe und Sachlichkeit in Anbetracht der realistischen Möglichkeiten des Menschen einen fairen, würdevollen Weg auf Augenhöhe zu vereinbaren, ohne zu Kreuze kriechen zu fordern oder mit Strafen zu drohen. Es hieße: NICHT mehr zu reagieren, sondern die Wut eines verärgerten Menschen auszuhalten und den Krieg zu beenden, auch wenn du dir so sehr Aussprache und gegenseitiges Verständnis wünschst, weil du weißt, dass jedes weitere Wort nur wieder und wieder Öl ins Feuer gießen würde. Und es hieße: jede Bitterkeit in den Gedanken in Dankbarkeit und Liebe zu wandeln, auch wenn es die größte Überwindung kostet.
„Was würde die Liebe tun?“ – diese Frage findest du in keinem Business-Coaching. Keine Universität der Welt lehrt sie. Und wenn du sie doch irgendwo hörst, dann ist die Antwort meist eine Verwechslung von Schuldgefühlen mit Liebe. „Deshalb habe ich all mein Vermögen gespendet und lebe nun als Selbstversorger weit weg von der Zivilisation.“
Hat dieser Mensch aus Liebe gehandelt? Nein. Er tat dies, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen – das ist keine Liebe. Liebe (beziehungsweise: Würde) fordert als erstes die Selbstachtung des Menschen, so wie es der deutsche Philosoph, Immanuel Kant, 1797 in der „Metaphysik der Sitten“ über die „Pflichten gegen sich selbst“ erörterte.
Kleine Anekdote zum Schluss: meine allerbeste Freundin, die ich seit der 5. Klasse kenne, ist Türkin. Ihre Eltern kamen als Arbeiter nach Deutschland und wir wurden 1999 am Gymnasium in Hamburg-Barmbek über alle Höhen und Tiefen des Lebens hinaus zu unzertrennlichen Freundinnen. Soweit unspektakulär. Spannend ist, dass sie aus einer alten Adelsfamilie in der Türkei stammt – genau wie ich.
„Wir sind von etwas Größerem geführt.“
In Liebe, Leonie
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