29. Dezember 2025

Ich glaube, dass jeder Mensch eine Bestimmung hat. Etwas, das viel größer ist als alles, das wir mit dem Willen beeinflussen können. Damit meine ich nicht einen Sinn des Lebens, den wir zu suchen hätten. Viel mehr meine ich eine Bestimmung, die uns findet, ob wir wollen oder nicht. Menschen, mit denen wir durch ein Schicksal oder Ereignisse verbunden werden, die manchmal grandios und manchmal zu Beginn voller Wut sind. Aufgaben und Positionen, die wir zu erfüllen haben, weil uns unser ganzes Leben von der ersten Sekunde an darauf vorbereitet hat, genau diese eine Fähigkeit zur Meisterung dessen zu besitzen.
Ich sehe im Menschen diese tiefere Bewegung, Wut- und Abwertungsmuster zu durchbrechen und in eine wahre emotionale Freiheit und Größe zu gelangen. Mit jeder Generation werden wir achtsamer und feinfühliger und können es immer weniger ertragen, einen Menschen zu verletzen, nur um unser Recht zu erhalten oder eine Regel zu erfüllen. Und deshalb erlebt es jeder von uns irgendwann, in diese Momente absoluter Wut geworfen zu werden, in denen wir begreifen, dass es sich nicht lohnt und dass loslassen und Frieden damit zu finden der größere Gewinn ist. Zugleich werden wir mit Menschen zusammengeschweißt, wo wir früher nach so einem Ereignis lieber geflohen wären, um uns emotional zu schützen. Mit jeder Generation gelingt es uns besser, den Schmerz zu halten und ihn in eine Hinbewegung zu wandeln. Ob wir wollen oder nicht: diesen inneren Prozess hat jeder einzelne von uns in unterschiedlichem Ausmaß in der Familie, in Freundschaften und im Arbeitsleben zu vollziehen. Es macht keinen Halt vor gesellschaftlichen Konstrukten: Verträge, Recht, Gesetze, Wirtschaft… all das ist nichtig, wenn es um eine tiefere seelische Bewegung geht, deren Absurdität dieser Mensch durch sein Bewusstsein ans Licht bringen und in etwas dem Menschen Dienlicheres wandeln soll. Haben wir eine Ungerechtigkeit, systematische Benachteiligung oder Limitierung der Freiheit des Menschen erkannt, lässt sich der Drang nicht zurückhalten, dafür neue Wege zu gehen.
Da sind auf der einen Seite Ereignisse und Beziehungen, die einzig dafür entstehen, in uns auf ein neues Level der emotionalen Freiheit und Größe zu wachsen und unsere Mitmenschen dorthin mitzunehmen. Und dann sind da Positionen, die wir zu erfüllen haben und die uns wie magnetisch hinterherrennen, weil wir auf diese Weise allen am meisten dienen. Menschen werden durch ihre Erlebnisse im Leben auf eine Führungs- oder Umsetzungsrolle vorbereitet. Beides ist gleichermaßen bedeutsam. Das eine kann nicht ohne das andere. Aus einer seelischen Sicht ist es völlig unsinnig, eine Führungsposition für wichtiger oder erstrebenswerter zu bezeichnen. Aber es funktioniert auch nicht, diese Position wegzulassen oder jede Woche eine neue Führung in der Annahme zu benennen, der Mensch bräuchte gar keine Hierarchien mehr. In uns ist die Beziehungskonstellation zwischen Kind, Eltern und Geschwistern zutiefst verankert. Ob wir wollen oder nicht, nach diesem Konstrukt sehnen wir uns auf einer tieferen Ebene und konstruieren ihn daher auch unbewusst fortlaufend. Und heutzutage ist immer mehr Menschen die eigene Familie zu klein und begrenzt, sodass wir noch mehr nach Familie (und entsprechenden Konstrukten) in anderen Lebenskontexten suchen. Es braucht also Menschen, die mit aller Hochachtung vor dieser Position Führung und Verantwortung übernehmen, um dem Gesamtsystem Halt und Richtung zu geben. Wir stehen also im Leben vor dieser Wahl, welche der zwei Rollen für uns bestimmt ist. Und lass uns dazu noch einmal festhalten: servant Leadership lässt sich aus jeder Position heraus leben, es hat nichts mit einem offiziellen Titel zu tun. Es ist deine innere Haltung und hat in jedem Moment eine Wirkung, da du auf diese besondere Weise, den Menschen in seinem vollen Potenzial sehend, auf alles schaust. Stell es dir wie bei Herr der Ringe vor: Frodo wäre niemals allein am Ziel angekommen. Aber ohne seinen Mut und sein Vorangehen wäre es auch nie gelungen.
Wer diese Führung übernimmt, hat nichts mit Ausbildungen zu tun. Mit Anfang zwanzig war ich bei der Arbeit meist für die Einarbeitung von Studenten zuständig. Und immer wieder machte ich diese eine Beobachtung: die absoluten Überflieger waren die furchtbarsten Teammitglieder. Sie waren so darauf getrimmt, eine Führungsrolle aufgrund ihrer Studiums einzunehmen, sodass sie jeden belehrten, sich arrogant, großkotzig und illoyal verhielten und am Ende weder ihrer ausführenden Aufgabe noch einer zukünftigen Führungsrolle gerecht wurden. Das Problem bei ihnen war: sie waren in Wahrheit keine Führungsperson, sie zwangen sich nur dort hinein, weil nur dies die Positionen mit ausreichender Anerkennung (und Bezahlung) waren, doch das funktioniert im Team nicht – und es macht diesen Menschen auch niemals glücklich, selbst wenn er sich irgendwann dort einfindet, fleißig aufsteigt und Berufstitel sammelt.
Wenn du deinen wahren Platz eingenommen hast, blühst du auf. Du tust mit Selbstverständlichkeit auch die anstrengenden und nervigen Tätigkeiten und strahlst, weil du dich einfach in deinem Element fühlst. Da geht es nicht mehr um Anerkennung von außen, Studium oder Erwartungserfüllung. Du tust es, weil es einfach die Verkörperung deiner Essenz ist. Es ist ein großer Unterschied, ob du das Sprechen vor Menschen gelernt hast oder ob es deine Leidenschaft seit frühster Kindheit ist. Diesen ansteckenden Funken, den der Mensch nur mit sich bringt, wenn er etwas aus sich selbst heraus verlangt, zu tun, sodass du fühlst, es würde ihm im Herzen wehtun, würde es nicht tun, selbst wenn er 100 Mal auf dem Weg dorthin scheitert, kannst du niemandem durch reines Lernen einimpfen. Es muss aus dem Menschen selbst kommen, dann ist es stimmig.
Deine Bestimmung findet dich. Sie wird dir gegeben. Du weißt von Anfang an als Kind, was deine Rolle sein wird: führend oder ausführend. Noch mal zur Erinnerung: diese zwei Rollen sind gleichwertig! Sie funktionieren nur als Einheit und deshalb ist keiner besser oder schlechter, schlauer oder dümmer als der andere. Der eine ist nur mehr dafür trainiert, die emotionale Last der Verantwortung und Unsicherheit zu tragen und mit klarem Kopf große Entscheidungen zu treffen, während der andere mehr dafür trainiert ist, die beste Umsetzung zu finden, die die Entscheidungen der Führung zum Leben erweckt und ans Ziel bringt.
Schau auf dein Leben: welche Rolle wurde dir immer schon gegeben? Ohne Wertung. Es gibt kein besser oder schlechter. Wenn du ins Sportteam in der Schule gewählt wurdest: welche Rolle gab man dir?
Ich wurde z.B. immer in die Führung gewählt. Als Klassensprecherin, Mannschaftsführerin, Vortragende der Gruppenarbeit. Ich wollte das nie, weil ich gar keine Lust hatte, vor allen die Dumme zu sein, die stotternd und schwitzend das Gruppenergebnis vortrug, oder die mit gesenktem Kopf das Schulterklopfen entgegennahm, wenn wir verloren hatten. Ich empfand diese Rolle als meine Pflicht, aber es war zu 99% uncool, weil ich damit stets dem Spott und der Kritik ausgesetzt war, wovor ich mich eigentlich instinktiv zu schützen versuchte. Aber darum ging es nie. Menschen gaben mir diese Rolle, weil sie irgendwas in mir sahen oder fühlten, und selbstverständlich wuchs ich auf diese Weise mit jedem Erlebnis in die Verantwortung und alle nötigen Fähigkeiten dafür hinein. Auch verbrachte ich am meisten Zeit beobachtend mit meinem Vater und anderen Männer meiner Familie, die mich aus mir nicht erklärbaren Gründen alle immer mitnahmen in die Werkstatt, zu ihren Mitarbeitern, in ihr Büro, an den Erwachsenentisch, als Anwesende bei großen Entscheidungen, zu Gesprächen über Konflikte, Unfälle und Probleme. Ich sah all diese Unternehmer meiner Familie immer, wie sie mit Menschen umgingen, die für sie arbeiteten, oder wie sie Probleme lösten. Und sie behandelten mich schon als kleines Kind auf Augenhöhe, so als wäre ich ihr wichtigster, Rat gebender Partner. Dabei war ich erst 6 Jahre alt. Auf dem Foto oben bin ich zu sehen neben meinem Zieh-Opa Hans Rüggeberg. Damaliger Geschäftsführer mit heute über 2.000 Angestellten. Obwohl wir nicht verwandt waren, behandelte er mich wie sein Enkelkind. Er schrieb mir Briefe und ich begleitete ihn in den 90ern über sein großes Anwesen mit den unzähligen Zimmern, Hausangestellten, Schwimmbad und Sauna. Er hatte diese unglaublich liebevolle Art, jeden Menschen auf Augenhöhe zu behandeln und diese absolute Ruhe und Bestimmtheit auszustrahlen. So nahm ich ihn jedenfalls als kleines Kind wahr.
„Liebe Leonie,
nun wolltet Ihr kommen am 2.1.01, um ein frohes Fest nachzuholen – daraus wurde leider nichts.
Umso mehr freue ich mich über Deinen so originellen Weihnachtsgruß, der geradezu künstlerisch gestaltet ist. Ich sage Dir Anlagen voraus, die Du weiterhin pflegen solltest, jedenfalls ist das, was Du mir mit gutem Geschmack und vielseitigen Einfällen geschickt hast, eine besondere Weihnactsfreude für mich gewesen. Ich danke Dir sehr herzlich. Mach weiter so.
Dass ich auf Deinem Gruß meinen Kopf im Stern wiederfinde, ist etwas sehr Unge-
wöhnliches.
Herzliche Grüße, dein Onkel Hans“
Welche Rolle für uns bestimmt ist, ist eine tiefe, innere Bewegung, die wir nicht mit dem Willen steuern können. Meist bedeutet es, dass wir zahlreiche Klischees und Prägungen erst über Bord werfen müssen und mit dem Willen so richtig auf die Schnauze fliegen, denn der Weg an den richtigen Platz geht damit einher, ihn auf deine einzigartige Weise einzunehmen, statt dich an fremde Regeln und Gepflogenheiten anzupassen. Aber erst, wenn wir aufhören, uns gegen diese Rolle zu wehren, die Menschen uns auf natürliche Weise geben, finden wir Frieden mit uns selbst und dem Leben. Solange wir aus Angst, Rebellion, Bequemlichkeit oder Ablehnung dagegen kämpfen, bleiben wir emotional instabil und unglücklich und geraten ständig in Konflikt, weil Menschen diese Inkongruenz spüren. Z.B. war es für mich nicht möglich, eine normale Angestelltenrolle im Unternehmen einzunehmen. Schon im dualen Studium kollidierte ich regelmäßig mit meinen Chefs, weil ich Prozesse nicht einhielt und sie ständig mit Ideen nervte, wie man Dinge besser machen könnte. Diesen Drang zu unterdrücken, war zwar möglich, führte aber zu einer Erstickung meiner Lebensfreude und somit zu einer monoton stumpfen Arbeitsausführung, die sowohl meine Produktivität als auch Arbeitsergebnisse sinken ließ. Es ist unausweichlich, die für dich bestimmte Position einzunehmen, weil du sonst immer wieder in Konflikte gerätst.
Nun gehen wir weiter in Gruppen und Beziehungen, die deine Bestimmung darstellen.
Von Anbeginn streben wir unbewusst nach dem richtigen Platz, der uns Stabilität gibt. Diese Suche steuert unser gesamtes Leben.
Erinnerst du dich an das Gefühl, wenn du an einem Ort bist, wo du einfach durchatmest und sich von einer Sekunde auf die andere sofort alles gut anfühlt? Aber was beeinflusst das eigentlich? Ist es einfach die Natur? Der Abstand zum Alltag? Das Alleinsein?
Die Essenz dieses Erlebens ist, dass du dich in einer Umgebung befindest, wo keiner eine belastende Erwartung an dich hat, nichts von dir will und nichts an dir kritisiert oder verändern möchte. Eine Umgebung, wo du einfach an einem Fleck sitzen kannst, ohne dich schuldig oder unter Druck zu fühlen. Genau das ist es, wonach unser Nervensystem strebt. Es strebt nach Frieden. Aber das hat nichts mit Lautstärke, Alleinsein oder Natur zu tun. Dieser Frieden bezieht sich auf die Gedanken und das daraus resultierende Stress- oder Entspannungsgefühl, das durch die Umgebung, die auf unsere unbewussten inneren Antreiber trifft, ausgelöst wird.
Dieses tiefe Empfinden, dass alles in dir zur Ruhe kommt, weil die Anforderungen deiner Position auf dein natürliches Sein treffen und du deine Liebsten glücklich siehst, zieht sich als roter Faden durch dein gesamtes Leben. Je nachdem, wie hoch das Erwartungs- und Drucklevel war, in dem du aufgewachsen bist, zieht es dich mehr oder weniger raus aus der Familie auf die Suche nach diesem magischen Zustand und dem Weg, deine Liebsten glücklich machen zu können. Dieser innere Drang ist stärker als alles, was du dir vom Verstand her ausdenkst. Und wenn deine Ziele diesem angestrebten Zustand widersprechen, wird sie dein Unterbewusstsein permanent boykottieren. Selbst wenn du sie erreichst, wirst du bei der Überquerung der Ziellinie mental zusammenbrechen und niemals Glück empfinden, weil der Preis zu hoch ist, auf die innere Stabilität und das Beschenken deiner Liebsten dafür verzichten zu müssen.
Wie im Kleinen, so im Großen: der Mensch ist wie ein Atom. Ein instabiler Zustand fordert unfassbaren Energieaufwand von uns. Müssen wir also permanent dafür kämpfen, Anerkennung zu erhalten, dazuzugehören und ausreichend Wohlstand zum Teilen aufzubauen, brennen wir innerlich aus und reagieren mit Schlafstörungen, Migräne, Tinitus, Magen-Darm-Problemen und anderen Symptomen, um dem Stress standzuhalten.
Wie finden wir nun diesen Platz….
Ein wichtiger Faktor sind deine Talente. Es ist bedeutsam für dein Selbstwertgefühl und das Erleben dieses magischen Flow-Gefühls, eine Leidenschaft voller Herzblut zu leben.
Wenn Kinder mit Geschwistern aufwachsen, geschieht etwas sehr interessantes: jedes Kind kommt mit grenzenlosem Potenzial auf die Welt, aber es entwickelt nur einige Fähigkeiten zu echten Talenten aus. Kinder sind schlau: sie spüren sehr schnell, dass es unfassbar anstrengend ist, permanent in Konkurrenz zu den Geschwistern zu sein, deshalb suchen sie nicht einfach nur Hobbies und Tätigkeiten, sie wählen diejenigen, in denen sie ohne Vergleich mit den anderen glänzen können. So ist es normal, dass der eine sich eher musisch, der andere mathematisch spezialisiert. Oder der eine Handball und der andere Fußball wählt. Bei 3+ Kindern kann es vorkommen, dass das älteste und jüngste Kind ähnliche Präferenzen wählen, weil sie sich weniger stark als Konkurrenz empfinden, aber in der Regel wählen sie dann im Verlauf eine Spezialisierung, sodass sie selbst in derselben Sportart wieder eine Differenzierung haben. Sie spüren, dass Erwachsene ständig vergleichen, was sie unter Druck setzt, deshalb wählen sie instinktiv den Weg des geringsten Konkurrenzkampfes innerhalb der Familie. Unter Geschwistern gibt es meist trotzdem zwischendurch die Phase, wo zwei Kinder das gleiche tun, weil es der logische Weg ist, erstmal das auszuprobieren, was es schon durch die anderen kennt. Diese Phase ist immer davon geprägt, dass einer der Geschwister oder beide unzufrieden und gereizt sind – genau dann setzt der innere Drang ein, den Platz thematisch zu finden, wo der eigene und fremde Vergleich aufhörten. Erst dann kehrt wieder Ruhe ein.
Du bist diesen Prozess also bereits durchlaufen. Entweder mit deinen Geschwistern oder mit deinen Eltern. Denn zugleich gehen wir alle diesen Weg auch in Hinblick auf die Fähigkeiten und Tätigkeiten der Eltern. Dieser Prozess ist langjähriger, denn als Kind ist es in Ordnung, die Eltern oder einen Elternteil als besser zu akzeptieren, deshalb erleben wir es nicht als Konkurrenzkampf, sondern als Bekräftigung unserer Fähigkeiten. Erst im Erwachsenenalter kommen wir an den Punkt, dieses „Bessersein“ des Elternteils in Frage zu stellen und dadurch mit ihm zu konkurrieren. Wenn wir bewusste Eltern haben, werden sie nun den Platz frei machen und ihrem erwachsenen Kind die Kompetenz und den Vortritt überlassen. Das wäre der Moment, wenn die Eltern dem Kind aus voller Freude und Anerkennung die Geschäftsführung ihres Unternehmens überlassen. Wenn aber die Eltern ihren Selbstwert aus dieser Fähigkeit ziehen, dann ist es ihnen emotional unmöglich, dem Kind eine höhere Kompetenz zuzuschreiben als sich selbst und die Verantwortung zu übertragen, daher hat ein erwachsenes Kind dann nur zwei Optionen: entweder ein Leben im Schatten der Eltern verbringen und die eigene (weiter gereifte) Kompetenz in Frage stellen (was zu vielen psychischen und physischen Symptomen führt, weil diese Degradierung auf irgendeine Weise kompensiert werden muss) – oder zu gehen und etwas eigenes aufzubauen.
Dieser Moment wird dein Leben also nachhaltig beeinflussen. Hier steht dir eine weitreichende Veränderung bevor und diesen Punkt erreicht ausnahmslos jeder Mensch.
Eine zeitlang empfinden wir einen gewissen inneren Leistungsdruck durch Menschen, die besser sind als wir selbst, für normal, er spornt uns sogar an. Das funktioniert solange, wie das angestrebte Ziel eine Erleichterung verspricht. Tritt dies jedoch nicht ein, gehen wir an diesem Druck innerlich kaputt. Wenn wir also auch beim dreißigsten Erfolg keine Anerkennung von unseren Eltern erhalten, brechen wir irgendwann zusammen, weil auf die Anspannung nie eine emotionale Entspannung folgt.
Nun haben wir wieder die zwei Möglichkeiten: entweder wir resignieren, halten uns für einen Versager und geben jedes Bestreben, unsere Leidenschaft zu leben, auf – oder wir gehen.
Kennst du dieses Gefühl, eigentlich alles zu haben, was du brauchst – und trotzdem bist du nicht glücklich?
Dieses tiefe Gefühl von Glückseligkeit empfindest du erst, wenn drei Dinge zeitgleich eintreten:
1. Du befindest dich in herzlicher Verbundenheit mit Menschen
2. Du bist wirklich du selbst in all deiner bescheuerten Fehlbarkeit UND deinem größten Stolz und Ausleben deiner Erfolge und Fähigkeiten
3. Du lebst deine Bestimmung: die Position und das Bewusstsein, für die du in diesem Leben bestimmt bist
Diesen Zustand streben wir unbewusst an. Wenn die Familie dies aufgrund ihrer Kritik, Forderungen oder Andersartigkeit nicht erfüllen kann, gehen wir auf die Suche…. wenn die Arbeit dies nicht erfüllen kann, gehen wir auf die Suche…. wenn die Partnerschaft es nicht erfüllen kann, gehen wir auf die Suche… wenn die Freundschaften dies nicht erfüllen können, gehen wir auf die Suche…..
Denn, wenn du mit dir selbst im Reinen bist, bist du gern allein und gehst deinen Weg, statt dich in eine Umgebung zu quetschen, in der du nicht sein darfst, wer du bist. Die Verbundenheit mit Menschen hat immer eine magische Anziehungskraft. Mein Vater war ein solcher Einzelkämpfer: er baute sich sein Paradies an der Ostsee, Selbstversorger-Garten, Schafe, Platz, Klavier, Kota, Sauna, Badeteich.. aber ohne die richtigen Menschen, mit denen du dich austauschen und lachen kannst, ist es zwar wundervoll zum Genießen allein, aber der Mensch liebt einfach die Interaktion und Polarität der Andersartigkeit.
Wir suchen nach diesem Ort, wo wir ohne Anstrengung und in unserer Einzigartigkeit Anerkennung finden. Dieses innere Bestreben in uns können wir nicht unterbinden, es ist die Natur des Menschen. Es liegt allem zugrunde, was wir tun. Und es führt mitunter dazu, dass wir unbewusst heftige Misserfolge oder Zusammenbrüche in Kauf nehmen, nur um endlich dort anzukommen, wo Menschen uns bedingungslos annehmen, wie wir sind und wir mit unserer Art nicht mehr anecken.
Nun lass uns in ein paar Sonderfälle eintauchen:
Wenn wir in eine neue Gruppe kommen, setzt dieser Prozess unbewusst in uns ein. Unser inneres System scannt die Lage, wer welche Rolle hier spielt und welche Fähigkeiten für sich beansprucht. Wir wissen instinktiv: konkurrieren wir mit jemandem, der vor uns in der Gruppe war oder sogar eine Führungsrolle innehat, fliegen wir sofort raus. Also passen wir uns an. Wir wählen die Rolle und die Fähigkeit, die noch frei ist. Wenn dies nun aber überhaupt nicht unserem Naturell oder Selbstbild entspricht, ist klar: das hältst du nur sehr kurz aus und dann wirst du von dir aus die Gruppe verlassen, weil es zu anstrengend ist, dich verstellen zu müssen. Alternativ kannst du es in Kauf nehmen, mit dem anderen in Konkurrenz zu gehen. Wenn es euch gelingt, spielerisch damit umzugehen und die Konkurrenzsituation zur gegenseitigen Höchstleistung und Anerkennung zu nutzen, dann funktioniert es, andernfalls hast du damit ziemlich schnell deinen größten Feind, weil du ein ständiger Störfaktor der Infragestellung der Kompetenz des anderen und seiner Anerkennung durch die Gruppe bist.
Solange wir noch keine passende Gruppe gefunden haben, durchlaufen wir immer wieder genau diesen Prozess. Und sofern du nicht resigniert ein Leben der Einsamkeit oder Selbstunterdrückung führen willst, wirst du deine Lebenszeit unbewusst mit dieser Suche verbringen. Deine Seele geht diesen Weg bedingungslos, auch wenn deine Verlustangst gerne reingrätscht und sich länger als sinnvoll an Menschen und Gruppen klammert, wodurch du das Weiterziehen hinauszögerst oder jedes Mal erst ernstzunehmende Gründe kreierst, die eine Trennung wirklich rechtfertigen. Du kannst dir das Drama sparen, wenn du weißt, dass es ein viel tieferer Drang in dir ist, diese ganz bestimmte Verbundenheit zu finden, den du nicht unterdrücken kannst, indem du es dir selbst einfach erlaubst, loszulassen und zeitweise vielleicht auch mal allein zu sein, um mit noch mehr Klarheit du selbst und offen zu sein für die Menschen, bei denen du dich wirklich nicht verstellen musst.
Auf dieser Reise begegnen wir manchmal Konstrukten, die wir uns eigentlich gar nicht wünschen, weil sie anstrengend und fordernd sind. Jedem ist klar, dass eine Beziehung mit einem Menschen ohne Kinder aus erster Partnerschaft oder ohne Haustiere oder ohne krass fordernde Arbeit oder ohne belastende Kindheit viel leichter ist. Dennoch fühlen wir uns möglicherweise genau zu einem solchen Menschen hingezogen. Warum? Weil wir dort eine Tiefe der Zuneigung und Anerkennung erhalten, die uns kein anderer in diesem Ausmaß gibt – und die bedeutsamer ist als die Faktoren, die eigentlich dagegen sprechen. Da treffen plötzlich zwei Menschen zusammen, in denen sich etwas so perfekt ausgleicht oder verstärkt, das beide durch ihr Zusammensein inneren Frieden und pure Freude empfinden. Du fühlst diese Bestimmung füreinander, weil ihr einander etwas schenkt, das keiner von euch sich allein geben kann.
Nun stell dir vor, dein Partner hat bereits Kinder. Du kommst somit in eine bereits existierende Gruppe und musst deinen Platz als zweiter Partner neben den Kindern und dem Ex-Partner finden. Nur wenn dieser Prozess gelingt, wird diese Partnerschaft eine Zukunft haben. Es geht nicht um gleiche Interessen: meistert ihr diesen Prozess der Gruppendynamik, darum geht es. Ansonsten zerreißt es euch und die Trennung ist unausweichlich – um: wieder zu innerem Frieden zu finden.
Nun stell dir vor, du merkst irgendwann, dass du dir mehr Geld oder mehr Freiräume oder sonst was vom Leben wünschst als in deinem Umfeld der Standard ist. Auch hier geht es wieder um deine Bestimmung, denn dass dieser Wunsch in dir aufkommt, hat wieder mit den 3 oberen Punkten zu tun, die nicht ausreichend in deinem bisherigen Umfeld erfüllt sind und deshalb die erneute Suche in dir anstoßen. Nun wirst du einen Sprung machen müssen, der eine neue Instabilität und Anstrengung in dir auslösen wird, aber der einzige Weg dorthin ist. Du springst quasi wie ein Elektron auf eine neue Ebene im Atom. Es wird für Reibung sorgen, denn Andersartigkeit und insbesondere ein Gefälle von vermeintlich „mehr und weniger“ oder „besser und schlechter“ führt in Beziehungen immer zu Reibung und braucht eine Phase der Gewöhnung, in der jeder neues Vertrauen aufbaut, dass dies keine unterschwellige Kritik und Anerkennungsberaubung ist.
Noch mal: bei all dem geht es nicht darum, was du willst oder für richtig oder falsch hältst. All das ist nichts, was du aus der Logik heraus wählst oder mit dem Willen steuerst. Im Gegenteil: wenn du es mit Logik und Willen entscheiden willst, wirst du dich todunglücklich machen. Du MUSST es mit dem Herzen entscheiden! Denn es werden die Momente kommen, da weißt du ganz genau: „So eine Scheiße!!!! Warum zur Hölle bin ich so dumm, diesen Scheiß zu tun!!!!“ – aber du weißt auch: „Ich muss es tun. Meine Liebe ist so groß. Würde ich es nicht tun, nicht wenigstens probieren, bliebe ich mein Leben lang unglücklich.“
Diese Bestimmung ist größer als alle deine rein menschlichen Bedürfnisse. So haben wir eigentlich den natürlichen Wunsch, harmonisch in einer Gruppe dazuzugehören. Anzuecken, negativ aufzufallen, für Ärger zu sorgen, ist nicht unsere Natur – doch wir gehen diesen Weg, wenn unser Umfeld unserer Bestimmung widerspricht. Und so kann es passieren, dass du dich von einem Menschen trennst, obwohl du ihn über alles liebst und es auch schön wäre, einfach so weiterzuleben. Oder du lässt ein Unternehmen hinter dir, obwohl es erfolgreich war und eigentlich nichts dagegen spräche, einfach weiterzumachen. Oder du ziehst um, obwohl du so glücklich mit den Nachbarn warst.
….aber deine Bestimmung zieht dich weiter. Sie will mehr. Sie weiß, wo du wahrhaftig zu Frieden und Stabilität kommst. Und diesem inneren Ruf zu folgen, ist lebensnotwendig für dich! Wenn du dies unterdrückst, wirst du krank. Und wenn wir damit zu lange warten, kommen schmerzhafte Ereignisse, die uns schlussendlich dazu zwingen.
Auf diesem Weg der eigenen Bestimmung gibt es deine persönliche Bewegung der Entwicklung, aber auch eine kollektive. Jede Generation und Zeitepoche haben Themen, die wir kollektiv anzuschauen und zu lösen haben. Es sind seelische Themen, die mit der Erhöhung unseres Bewusstseins für Zusammenhänge und die Möglichkeiten und Angemessenheit der Freiheit einhergehen. Dein Weg ist also sowohl individuell als auch geprägt von weltweiten Strömungen, die du teilweise gar nicht bewusst wahrnimmst, weil sie unterschwellig und meist in großen Zyklen ablaufen.
Dir begegnen Menschen, mit denen du etwas zu lösen hast, um in deine emotionale Freiheit zu wachsen, ihnen dabei behilflich zu sein und zugleich ein neues Erleben im kollektiven Gedächtnis abzuspeichern.
Zugleich gibt es die Bestimmung für einen Menschen. Damit meine ich nicht den Partner. Es ist ein Mensch (oder ein Paar), dessen Haltung du dich aus tiefstem Herzen verpflichtet fühlst, zu unterstützen. Hier treffen verschiedene Mechanismen zusammen: dieser Mensch (oder dieses Paar) verkörpert eine seelische Schönheit, die dich fast zu Tränen rührt, sie zeigt dir dein eigenes Potenzial und die Größe, für eine Haltung einzustehen, die du für absolut notwendig in dieser Welt hältst. Und so kann tatsächlich das Gefühl entstehen: „Für diesen Menschen (und seine Haltung) bin ich bereit, zu sterben. Denn lieber stehe ich dafür mit meinem Leben ein, als in einer traurigen, kalten, zersplitterten, ungerechten Welt weiterzuleben.“
Es gibt ein paar wenige Menschen auf der Welt, die bereit und emotional stark genug sind, für eine gesellschaftliche Vision bei all ihrer menschlichen Fehlbarkeit und Unfähigkeit einzustehen, obwohl sie wissen, dass sie häufiger versagen als erfolgreich sein werden. Und in denen du fühlst, dass sie die Macht ihrer Position für mehr Einheit und Freiheit statt Spaltung nutzen werden – und egal, welche Position du selbst innehast, einem solchen Menschen wirst du dich emotional verpflichten und alles Scheitern verzeihen, denn du weißt, dass sein Wirken einem größeren Bestreben dient, das kein Mensch dieser Welt allein vollbringt und eigentlich sowieso unmöglich ist, aber eben doch so bedeutsam, dass man dafür einzustehen hat.
Zu guter letzt gibt es die Bestimmung in der Partnerschaft. Wenn du bewusst diesen Weg deiner Bestimmung gehst, verändern sich deine Beziehungen, weil sich deine Priorisierung verändert. Klassisch fordern Partner, einander an erster Stelle zu priorisieren. Für die gemeinsamen Kinder werden ein paar Abstriche gemacht, aber auch hier fühlt sich meist einer verletzt, wenn er allzu lang nur noch eine Nebenrolle spielt. Lebst du jedoch deine Bestimmung, hat die Verwirklichung dieser Bestimmung die oberste Priorität und Partnerschaft und Kinder müssen sich dieser Ausübung unterordnen. Viele Partner können dies nicht emotional halten, weil ihr Ego daraus schlussfolgert, sie seien unbedeutend. Daher durchlaufen die meisten Menschen eine Trennung, wenn sie bewusst entscheiden, diesem größeren Lebensweg zu folgen. Wichtig dabei ist: dies ist kein Scheitern und auch kein Indiz fehlender Liebe. Im Gegenteil: es ist das Zeichen größter Liebe, einander gehen zu lassen, denn alles andere würde beide langfristig unglücklich machen. Trotzdem ist dieser Prozess unfassbar schmerzhaft und angstbehaftet, was oft zu viel Drama führt, das du aber mildern kannst, wenn du weißt, was hier auf tieferer Ebene wirklich abläuft und dass es nichts mit Meinungsverschiedenheiten, den Eigenheiten des anderen oder Auseinanderleben zu tun hat. Sobald du Worte findest, die den wahren Kern zum Ausdruck bringen und daher Vorwürfe und Kampf überflüssig machen, kann Weiterentwicklung in der Beziehung friedvoll verlaufen.
Nun komme ich zu einem letzten Punkt, der sehr wichtig für dich ist, um stets einer Bewegung zu mehr Freude zu folgen:
Aus der systemischen Arbeit wissen wir, dass der Mensch unbewussten Beziehungsdynamiken in der Familie folgt. Der stärkste Mechanismus sind Schuldgefühle: wenn Familienmitglieder früh oder qualvoll gestorben oder benachteiligt sind, entstehen in uns starke Schuldgefühle, die soweit reichen können, dass wir uns lieber zu ihnen in den Tod oder die Bedürftigkeit wünschen, als uns selbst ein Leben in Gesundheit, Wohlstand und Freiheit zu erlauben. Wenn dieser Wunsch, sich den anderen verbunden zu fühlen, unbewusst überwiegt, folgen wir unwissentlich einem Pfad in die Armut, den Tod, die Einsamkeit oder die schwere Krankheit, weil unser tieferes Gewissen nur dann Frieden findet, wenn es ihm genauso schlecht geht wie den geliebten Menschen. Es ist von höchster Bedeutung, dass du diese Dynamik in dir durchbrichst, weil sie niemandem dient. Dazu gehört das Bewusstsein: „Ich darf reich, frei, gesund, wunderschön und in tiefster Liebe verbunden sein. Damit diene ich allen am meisten und mache allen die größte Freude.“. Spür einmal bewusst diesen Satz. Denn wenn wir ganz ehrlich mit uns selbst sind, kommen hier mitunter Zweifel, weil wir spüren, dass es Familienmitglieder gibt, die sich zwar oberflächlich dafür mit uns freuen würden, aber unterschwellig mit Neid, Trauer, Wut, Selbstzweifeln und somit Distanzierung oder sogar Trennung reagieren würden – ihnen zuliebe fällt uns der Schritt in dieses erfüllte Leben dann unfassbar schwer, weil wir sie nicht verletzen wollen. Die Heilung besteht darin, ihnen diese Gefühle zuzumuten und dir bewusst zu machen, dass es nichts mit dir zu tun hat und dein Weg in Wahrheit ihre größte Inspiration sein wird, sobald sie ihren Schmerz überwinden konnten. Und sie davor zu schonen, hilft niemandem.
Was solltest du nun aus diesen Zeilen mitnehmen?
Dieser Drang nach Mehr in dir ist keine Undankbarkeit, Unentschlossenheit, Unfähigkeit und auch keine Träumerei. Es ist deine Bestimmung. Und ihr zu folgen, ist nicht nur für deine Gesundheit sehr wichtig, sondern auch die größte Bereicherung für deine ganze Familie und Mitmenschen, da es all die alten Ketten sprengt, die uns in Beziehung bislang klein hielten, um einander bloß nicht zu verletzen oder verletzt zu werden. Lebe deine Rolle: ausführend oder führend – und renn nicht weiter davor weg. Es bedeutet vor allem, für deine Werte und Haltung öffentlich wirksam einzustehen und sie nicht nur im stillen Kämmerlein mit der Wand zu teilen. Mach dir bewusst, dass es hier nicht um deinen Willen geht, sondern um eine unausweichliche Bewegung, die sich sowieso ihren Weg sucht. Trau dich, die großen Entscheidungen ins Unbekannte und bedingungslose Vertrauen zu treffen, was manchmal Konstrukte mit sich bringt, denen du aus der Logik heraus aus dem Weg gehen würdest, und halte die Phase der emotionalen Instabilität, weil sie immer auf die neue Stabilität hinarbeitet und dich somit unausweichlich in ein Leben noch größerer Freude und Erfüllung führt.
Vertrau dem Leben und seinen Einladungen. Es zeigt dir sowieso, wohin deine Reise gehen soll. Deine Aufgabe ist nur, einfach Ja zu sagen und den Logiker, Kritiker, Paniker, Zweifler und Besserwisser in dir still werden zu lassen.
In Liebe, Leonie