1. April 2026

Rückzug, Selbstsabotage, Aggressivität, ungewollte Arbeitsverweigerung, Zusammenbrüche – wohin ein angespanntes Umfeld führt…
Schon bevor du den Raum betrittst, erhöht sich dein Herzschlag. Deine Augen scannen jeden Winkel, jedes Körpersignal, jeden potenziellen Konfliktherd. Im Kontakt mit Menschen beobachtest du hochsensibel, wie sie reagieren. Dein Körper steht unter Anspannung, etwas falsch zu machen und ungewollt einen anderen zu verletzen, zu verärgern oder zu enttäuschen. Du fühlst dich wie im Spießrutenlaufen, um Wutausbrüchen, stillschweigenden Vorwürfen, emotionalen Zusammenbrüchen oder Strafen zu entgehen. Du verbringst Stunden mit Zweifeln und Ängsten, ob wirklich alles wie angekündigt verläuft. Krampfhaft kontrollierst du noch mal alles und leistest Extraarbeit, als das Risiko einzugehen, dass du bedeutsame Menschen durch einen Fehler enttäuschst oder in Gefahr bringst. Deine Gedanken kreisen darum, alle Erwartungen zu erfüllen, während du deine eigenen Bedürfnisse fast gänzlich vernachlässigst und ignorierst. Du willst auf keinen Fall, dass sich wichtige Menschen ausgeschlossen oder nicht wertgeschätzt fühlen, damit bloß niemand emotional reagiert oder mit anderen in Konflikt gerät. Gespräche und viele Menschen strengen dich an.
Hypervigilanz.
Viele denken, dies sei ein Phänomen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), die durch extrem belastende oder bedrohliche Ereignisse entstand. Aber viel häufiger tritt es schleichend durch ein emotional aufgeladenes Umfeld auf. Der Effekt verstärkt sich, je unberechenbarer Menschen konfliktreich reagieren. Viele Menschen können ihre Emotionen nicht verursachergerecht und sachlich differenziert kommunizieren, sondern entladen ihren Frust ohne Nennung (oder Kenntnis) der wahren Ursache am Umfeld, das reflexhaft schuldbewusst, ängstlich oder aggressiv darauf reagiert und dann langfristig Hypervigilanz als Schutzmechanismus entwickelt. Betroffene glauben meist irgendwann, sie seien nicht belastbar – in Wahrheit brauchen sie nur ein emotional stabiles Umfeld. Ebenso glauben viele, dies träte nur bei regelmäßig lauten Eskalationen auf – in Wahrheit ist es ebenso belastend in einem stark ängstlichen, tabuisierenden, verurteilenden, vermeidendes, schweigsamen, trauernden, fordernden, ausgrenzenden, zerstrittenen oder selbstverurteilend bis zu depressiv reagierenden Umfeld.
Hypervigilanz bezeichnet den Zustand dauerhaft erhöhter Wachsamkeit: Das Gehirn ist ständig darauf eingestellt, mögliche Bedrohungen, die zu einer angstbehafteten Situation führen könnten, früh genug zu erkennen. In der Forschung wird sie vor allem im Zusammenhang mit Traumafolgen untersucht, tritt aber ebenso in angespannten Beziehungen, bei der Arbeit und dauerhaft konfliktreichen Umfeldern auf.
Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass bei Hypervigilanz mehrere Systeme im Gehirn extrem stark aktiviert sind:
•Amygdala: bewertet Reize schneller als potenziell gefährlich und löst Alarmreaktionen aus.
•Hippocampus: verknüpft aktuelle Situationen mit früheren Erfahrungen („Das erinnert mich an etwas Gefährliches“).
•präfrontaler Cortex: reguliert normalerweise Emotionen und bewertet Bedrohungen rational – bei chronischem Stress arbeitet er ineffektiv.
Das Ergebnis: Das Gehirn stuft bereits winzige Indizien als Gefahrenrisiko ein, reagiert übertrieben mit Stress, aktiviert die Hypothalamus–Hypophysen–Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) und schüttet Cortisol und Adrenalin aus, wodurch sich der Körper in einem entzündungsfördernden Hormonklima und starker Muskelanspannung befindet, die sowohl überdurchschnittlich erschöpfen als auch langfristig zu schwerwiegenden Krankheiten führen.
Studien beschreiben dabei folgende Muster:
Auf der kognitiven Ebene
Auf der körperlichen Ebene
Verhaltensmuster
Kinder erleben dies mit emotional angespannten Familienmitgliedern. Arbeitnehmer, Profisportler, Schüler etc. erleben dies in stark mit Konkurrenz, Druck und Strafen arbeitenden Systemen.
Warum ist dies so katastrophal?
Lass uns mal im Detail die Auswirkungen am Beispiel eines Profieiskunstläufers betrachten, um das Ausmaß und die Einschränkungen zu verdeutlichen, die einem Menschen mit Hypervigilanz in allen Situationen des Alltags auferlegt werden, weil das Gehirn irgendwann nicht mehr zwischen „real berechtigt“ und „Projektion auf einen eigentlich unbedeutsamen Tatbestand“ unterscheidet: das Gehirn reagiert ständig vorbeugend hypersensibel. Entscheidend ist, dass es hier nicht einfach nur um das Stressempfinden in Wettkampfsituationen geht – es geht um permanente Anspannung, weil der Betroffene sich selbst gedanklich aus Angst vor der Reaktion des Umfeldes so immensen Druck aufbaut und sich unnötigerweise in den Fight-or-Flight-Zustand befördert.
Wie bei jedem Hochleistungssport müssen Athleten beim Eiskunstlauf gleichzeitig Kraft, Balance, Flexibilität und Präzision einsetzen. Entscheidend ist dabei ein fein abgestimmter Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung der Muskeln. Wenn die Muskeln dauerhaft unnatürlich stark angespannt sind, was immer eine direkte Folge gedanklicher Anspannung ist, hat das deutliche Auswirkungen auf Körper und Leistung.
1. Bewegungen werden steifer und unpräziser
Für Sprünge, Drehungen und Kantenarbeit braucht der Körper dynamische Muskelarbeit.
Bei übermäßiger Anspannung passiert Folgendes:
2. Schlechtere Balance und Koordination
Balance basiert stark auf dem Zusammenspiel von:
Wenn viele Muskeln gleichzeitig zu stark kontrahieren, entsteht eine Art „Übersteuerung“:
Das kann dazu führen, dass ein Läufer mehr wackelt, Kanten verliert und aus der Bahn geworfen wird.
3. Höherer Energieverbrauch
Muskelspannung kostet Energie. Wenn ein Sportler unnötig viele Muskeln gleichzeitig aktiviert:
Das ist besonders kritisch in langen Programmen, wo Ausdauer wichtig ist.
4. Größeres Verletzungsrisiko
Übermäßige Spannung reduziert die Stoßdämpfung des Körpers.
Bei der Landung eines Sprungs müssen Knie und Hüfte nachgeben und Energie abfedern. Sind die Muskeln zu steif:
Das kann z. B. zu Problemen im Knie oder Sprunggelenk führen.
5. Beeinträchtigte Bewegungsästhetik
Im Eiskunstlauf zählt nicht nur Technik, sondern auch Fluss und Eleganz.
Zu viel Spannung führt zu:
Das wirkt weniger mühelos und verschlechtert drastisch das Ergebnis.
Wenn wir Menschen führen und insbesondere wenn wir sie zu Höchstleistungen führen wollen, müssen wir uns dieser Mechanismen bewusst sein. Bauen wir ein Spannungsumfeld auf, in dem Konflikte unterschwellig schwelen, Wünsche nicht ausgesprochen oder ignoriert werden, Menschen in Loyalitätskonflikte gebracht werden, gegen die eigene Natur angekämpft werden muss, Konkurrenzkampf oder Leistungsdruck herrscht, nehmen wir den Zusammenbruch von Menschen aktiv in Kauf und sorgen in jedem Fall für geringere oder verkrampfte Leistungsfähigkeit, die von zahlreichen belastenden Symptomen bis hin zu Unfällen begleitet wird, deren Ursache meist nicht erkannt und deshalb nicht nachhaltig heilend behandelt wird.
Wie können wir Hypervigilanz vorbeugen?
1. Ein stabiles Sicherheitsgefühl im Alltag
Das Nervensystem reagiert stark auf Vorhersagbarkeit, daher ist hilfreich:
Wenn Situationen berechenbarer werden, muss das Gehirn weniger ständig nach Gefahr scannen. Je mehr wir uns auf Aussagen, Unterstützung und das Eintreffen von Ereignissen verlassen können, desto besser kommen wir zur Ruhe und das Gehirn kann aufhören, in ständigem Zweifel und zusätzlicher Absicherung weiterzuarbeiten.
2. Stressregulation trainieren
Um die Aktivierung der Stresssysteme zu verhindern und einen selbstermächtigten Weg zu finden, unabhängig von äußeren Faktoren Ruhe und Gelassenheit zu finden, eigenen sich folgende Methoden:
Diese Aktivitäten signalisieren dem Körper, dass keine akute Gefahr vorliegt, stoppen das Gedankenkarussell, sorgen für ein Gefühl der Kontrolle und Sicherheit und stabilisieren den Hormonhaushalt.
3. Gute soziale Beziehungen
Ein sehr gut belegter Schutzfaktor ist soziale Unterstützung.
Sichere Beziehungen können:
Menschen, die sich unterstützt fühlen, zeigen geringere Stresshormonreaktionen. Dies kann bedeuten, Abstand und bewusste Kontaktgestaltung von Menschen zu nehmen, die durch ihre Muster zu starke Stressreaktionen auslösen. In vielen Therapien wird daher Kontaktabbruch empfohlen: dies ist jedoch mitunter katastrophaler als der konfliktreiche Kontakt selbst, weil der Beziehungsabbruch das Sicherheitsgefühl des Betroffenen in sich zusammenbrechen lässt, weil es für das Nervensystem noch viel schlimmer ist, sich allein zu fühlen, als Konflikte auszuhalten. Zu bevorzugen ist daher immer der bewusst gestaltete Kontakt, die Beziehungspflege und Selbstermächtigung durch stressregulierende Methoden. Dies ist sowohl im Spannungsfeld Familie als auch Arbeitskontext extrem wichtig, weil diese Systeme sowohl Zugehörigkeit als auch finanzielle Stabilität mit sich bringen. Es sollte offen ausgesprochener Konsens herrschen, dass jeder für sich sorgen und gehen darf, wenn er steigende Anspannung wahrnimmt, und dies nicht als persönliche Beleidigung, Unzuverlässigkeit, Fehlverhalten oder Unfähigkeit interpretiert wird.
4. Emotionale Selbstwahrnehmung
Frühes Erkennen von Stress hilft, bevor sich dauerhafte Alarmzustände entwickeln. Hilfreich sind z. B.:
Das erhöht die Fähigkeit, früh gegenzusteuern. Je früher und bewusster man selbst den inneren Stressaufbau erkennt, desto besser kann man das eigene Empfinden aussprechen, Verständnis im Umfeld schaffen und für sich selbst sorgen. Dies führt zudem dazu, dass man nicht selbst zum Konfliktherd anderer wird, an denen man sonst ungewollt das eigene Stressempfinden ablässt.
5. Gesunde Verarbeitung belastender Ereignisse
Ein wichtiger Faktor ist, belastende Erfahrungen nicht dauerhaft zu verdrängen. Schutz kann entstehen durch:
Dadurch sinkt das Risiko, dass Erinnerungen später zu dauerhaften Alarmreaktionen führen. Auch dabei kann das Umfeld bestens unterstützen, indem es neutral und stärkend zuhört und jegliche Form der Panikmache, Verurteilung und Schuldzuweisung unterlässt.
6. Wahrnehmung von Rollen-, Ziel- und Loyalitätskonflikten
Je stärker wir in einem Umfeld, durch bestimmte Personen, Konstellationen oder Anforderungen in einen inneren Konflikt der Zerrissenheit und daraus resultierenden Entscheidungs- und Bewegungsunfähigkeit geraten, desto stärker antwortet das Nervensystem mit Stress.
Dazu gehören:
Kennen wir diese Dynamiken und wissen zudem, wie stark wir auf den jeweiligen inneren Konflikt reagieren und wo, wie oft und wann exakt sie auftreten, können wir gezielt durch direktes Ansprechen und/oder Entzerren der Situation eine Lösung finden und somit die Anspannung nachhaltig auflösen. Dabei helfen:
Lösen wir diese Dynamiken nicht auf, bleibt der Betroffene dauerhaft in Hypervigilenz stecken und reagiert irgendwann mit Rückzug, Selbstsabotage, Aggressivität oder ungewollter Arbeitsverweigerung.
7. Bewusster Umgang mit maladativen Coping-Strategien
Unser Unterbewusstsein ist schlau: es entwickelt sogenannte vermeidende „maladaptive Coping-Strategien“, um auf belastende Situationen und Stress zu reagieren. Sie werden durch ein Gefühl von Machtlosigkeit, Schockstarre, Sprachlosigkeit, Panik oder Fluchtreflex begleitet. Maladaptive Coping-Strategien sind: Vermeidung, Dissoziation, Substanzkonsum und Selbstverletzung. Sich aus der Stresssituation zu stehlen, ist erstmal der schnellste Lösungsweg, führt nur leider nie zur Lösung. Um wirklich innerlich zur Ruhe zu kommen, ist es entscheidend, diesen Reflex zu stoppen und stattdessen ohne Vorwurf ins offene, ehrliche Aussprechen der eigenen Empfindungen zu gehen. Zugleich ist es bedeutsam, diese Muster bei anderen Menschen zu verstehen. Lügen, Gereiztheit, Wutausbrüche, Schweigen, Kontaktabbruch, Ausschluss, Fremdgehen, Paniken, Eifersucht, Überempfindlichkeit, Kontrollzwang… all das sind Reaktionen auf emotionale Verunsicherung, die durch Hypervigilanz verstärkt wird. Wenn wir diese Handlungen als persönliche Verletzung interpretieren, verlieren wir uns in Konflikten und bauen zusätzlich emotionale Distanz auf, die schlussendlich zur Trennung führt, die dann erneut den Menschen vollends ins emotionale Chaos befördert. Es braucht Konsens, nichts persönlich zu nehmen und das Aussprechen von Emotionen und Gedanken sowie das im Kontakt Bleiben (statt Rückzug) als den wahren Wert anzuerkennen, auch wenn die gewählten Worte noch vorwurfsvoll sind oder die eigentliche Ursache des Empfindens nicht auf den Punkt bringen. Sobald du erkennst, dass die Handlung des anderen nicht als persönlicher Angriff gemeint war und die Emotion des anderen im Kern nichts mit dir zu tun hat, auch wenn du situativ der Auslöser warst, und dass ebenso deine Emotion nichts mit dem anderen zu tun hat und der andere dies auch anerkennt, kann der Konflikt nachhaltig gelöst werden. Stattdessen unterhaltet ihr euch dann über das zugrundeliegende Muster, auf das du oder der andere mit entsprechenden Gedanken und Emotionen reagiert, und wie ihr zukünftig die Enttäuschung und Verunsicherung des anderen umgehen könnt und jeder frühzeitig für sich sorgen kann. Sobald du erkennst, dass du nicht die Ursache fremder Reaktionen bist, sondern nur ein Auslöser, der etwas zutage befördert, das ohnehin schon im anderen als Schmerz vorhanden war, hört dein Gedankenkarussell der Selbstvorwürfe und vorbeugenden Vorsicht auf, sodass du zur Ruhe gelangst.
8. Lösung von kollektiven Spannungen
Durch Hypervigilanz reagiert das Gehirn deutlich sensibler auf äußere Spannungen, weil es sie sehr früh als Indiz für potenzielle Gefahr einstuft. Nehmen diese Spannungen, die sowohl durch Ängste, Sorgen, Trauer und Wut als auch unverständliche Ekstase oder Hektik ausgelöst werden, z.B. durch emotionale Großereignisse zu, reagierst du mit zusätzlicher innerer Anspannung, solange du die äußere Spannung nicht von deiner eigenen differenzieren kannst. Entscheidend ist dein Bewusstsein dafür, die Emotionen der anderen nicht zu deinen zu machen und eigenständig für einen Rahmen der Ruhe zu sorgen, in dem du dich zum entspannten Beobachter der Situation machst, ohne in den Emotionen der anderen verloren zu gehen. Von dort aus fühlst du dich als selbstbestimmter Gestalter und Entscheider, wodurch dich wieder ein Gefühl der Kontrolle und Sicherheit erfüllt, das dein Nervensystem zur Ruhe bringt. Zusätzlich kannst du beobachten, welche Angst bei dir angestoßen wird: Ist es Verlustangst, Existenzangst, Todesangst, Versagensangst? Mach es dir bewusst. So gelangst du wieder in eine neutrale Position, weil du dir bewusst machst, dass dich hier ein archaischer Mechanismus deines Gehirns überrollt hat, der aber nichts mit einer realen Gefahr zu tun hat.
9. Jedem geschieht nach seinem Glauben
Das Leben in einem emotional aufgeladenen Spannungsumfeld hat auf tiefster Ebene vor allem eine Auswirkung: wir entwickeln verunsichernde, ängstigende, misstrauische, machtlose, pessimistische, abwertende Glaubenssätze. An diesen Kern müssen wir ran, ansonsten arbeiten wir ständig gegen unser Unterbewusstsein, das ja bekanntermaßen 95% unserer Aktivitäten steuert, die dann unsere Realität kreieren. Meine Mutter hatte bspw. eine tiefe Abneigung gegenüber Ehefrauen. Für sie waren sie: mauernd, besitzergreifend, wegschauend, unselbstständig, co-abhängig, unkollegial, unterwürfig, hilflos spielend, aufgesetzt, manipulativ. Und obwohl ich nie selbst diese Erfahrung gemacht hatte, begegneten mir all diese Abwertungen als Panik in meinen Beziehungen: mein Gehirn lief unwissentlich auf Hochtouren, um bloß nicht selbst so eine Frau zu werden oder von einem Mann in so eine Rolle gedrückt zu werden, und der Gedanke ans Heiraten löste Angstzustände aus. Der allerallerallerallerwichtigste Satz, den du dir ab heute FEEEEEETTTTTTT an die Tür klebst, lautet: „Wahr ist, was du glaubst.“ Kleb’s dir (sinnbildlich) an die Stirn, dass du selbst entscheidest, wer du bist, wer du wirst, wie du lebst, welche Wirkung Umstände auf dich haben und dass nichts und niemand dich zu einem emotionalen Wrack machen kann, wenn du in deiner inneren Autorität bleibst. All die destruktiven Prophezeiungen sind Bullshit, wenn wir nicht zulassen, aus Angst, Misstrauen und Verletzung zu handeln. Stell dir also die Frage: „Was willst du glauben?“ Und jetzt ist der simple Trick: handle, als würdest du zutiefst vertrauen, dass alles genau so wundervoll ist und eintritt. Wann immer du Angst, Misstrauen und Verletzung wahrnimmst, stoppst du dich und fragst dich: „Wie würde ich handeln, wenn ich zutiefst vertraue?„
10. Raus aus Schuldinduktion (Guilt-Tripping)
„Wenn du mich wirklich lieben würdest, würdest du das nicht tun. Ich leide die ganze Zeit, aber dir ist das egal. Xyz ist passiert – deinetwegen. Es ist so furchtbar anstrengend und mir geht’s so schlecht allein, aber mach dir ruhig einen schönen Abend mit deinen Freunden.“
Schuldinduktion bezeichnet eine Form der sozialen oder emotionalen Einflussnahme, bei der eine Person gezielt oder indirekt Schuldgefühle bei einer anderen Person auslöst, um deren Verhalten, Entscheidungen oder Gefühle zu beeinflussen. Der Kernmechanismus ist: Die Verantwortung für das eigene Leiden oder die eigenen Gefühle wird dem anderen zugeschrieben, sodass dieser sich verpflichtet fühlt, etwas zu ändern, obwohl es eigentlich gar nicht seine Verantwortung wäre.
Sehr viele Menschen haben gelernt, dass sie nicht direkt sagen dürfen, was sie sich wirklich wünschen, und dass sie nur geliebt werden, wenn sie entweder ja sagen oder sich hilflos stellen, um den anderen an sich zu binden. Ihre Zielerreichungsstrategie ist, dem anderen Schuldgefühle zu machen, damit er selbst zu dem Schluss kommt „Es war eine ganz dumme Idee, den Abend mit meinen Freunden zu verbringen.“. Sie dramatisieren ihr Leid, stellen sich hilflos, übertragen die Verantwortung für ihr Leid dem anderen und machen gern implizite Vorwürfe, sodass der andere sich schlecht fühlt, obwohl er sich möglicherweise seit 3 Jahren das erste Mal einen einzigen Abend mit Freunden gönnte. Wer in dieser Dynamik lebt, merkt oft längst nicht mehr, dass die belastenden Schuldgefühle, mit denen er täglich herumläuft, eine Verantwortungsverdrehung und emotionale Manipulation sind – dies ist ein extrem belastendes Umfeld, weil die Beteiligten dadurch permanent unter Spannung leben, weil sie sich für das Wohlbefinden des anderen verantwortlich fühlen, was bekanntermaßen nicht die Verantwortung eines anderen sondern nur die eigene ist, weil nur der Mensch selbst für sein eigenes Wohlbefinden sorgen kann. Das klassische Muster ist: Einer Aktivität zustimmen (weil sie panische Angst vor Konflikten haben, wenn sie ehrlich wären), bis zur Umsetzung warten, Vorwurf, Leidensdarstellung, direkt oder indirekt ausgedrückte Erwartung zur Veränderung des anderen. Werden sie darauf hingewiesen, dass sie selber für ihr Wohlbefinden zuständig sind und sowohl rechtzeitig Veto einreichen, einen besseren Vorschlag machen als auch einfach eigenständig einen schönen Tag allein gestalten könnten, kontern sie mit Vorwurf, es sei die Pflicht des anderen, aus Liebe dieses Opfer zu bringen und sich zu kümmern – genau das ist eine Verdrehung der Verantwortlichkeit.
Entscheidend ist, solche Verdrehungen zu erkennen, zu entwirren und für klare Verantwortlichkeiten zu sorgen, um aus der dauerhaften Anspannung und Belastung in der Beziehung herauszukommen. Wenn du Klarheit hast, was deine Verantwortung ist und was nicht, kannst du entspannt bleiben, selbst wenn der andere plötzlich solche verdrehten Forderungen stellt: weil du souverän und ganz ruhig bei dir bleibst und dich nicht vom Drama des anderen anstecken oder zu Handlungen zwingen lässt. Manchmal tritt eine solche Verdrehung auch erst Jahrzehnte später nach einem emotional aufreibenden Ereignis auf: plötzlich reagiert einer bspw. mit heftiger Eifersucht und fordert vom anderen, er müsse jeglichen Kontakt zu bestimmten Personen abbrechen, sonst könne er nicht mehr vertrauen. Auch dies ist eine Verantwortungsverdrehung. Niemals ist jemand dafür verantwortlich, dass ein anderer vertrauen kann – Vertrauen ist eine persönliche Entscheidung, die weder Beweise noch Opfer benötigt. Reicht das Versprechen zur Beziehung nicht, um vertrauen zu können, muss er entweder einen neuen Weg lernen, um sein emotionales Drama zu lösen – oder sich trennen. Wird eine Verantwortungsverdrehung zugelassen, wird die Beziehung zur Hölle auf Erden, unter der vor allem die Kinder massiv leiden und sehr oft Verhaltensstörungen entwickeln, weil dadurch indirekt eine vorwurfsvolle Täter-Opfer-Dynamik innerhalb der Beziehung entsteht, durch die die Kinder unter Daueranspannung geraten und automatisch mit Schutzmechanismen reagieren.
Ein funktionierender Lösungsweg bei Kooperation ist:
1. Klare Absprache fairer Arbeits- & Erholungsverteilung
2. Verbindliche Zusagen für Aktivitäten, die auch nicht bei plötzlicher Krankheit revidiert werden (dann muss derjenige selber für Versorgung sorgen)
3. Ausschließlich Glück wünschende Kommunikation – kein bisschen Leid klagen!
4. Klare Verantwortlichkeit für das eigene Wohlbefinden: jeder darf nein sagen und bessere Vorschläge machen, frühzeitig (mit guter Stimmung!) gehen, sich eigenständig eine schöne Zeit gestalten – aber dafür sorgen, dass der andere nicht plötzlich ohne Rückfahrer oder allein in der Pampa oder verletzt im Straßengraben hängt.
5. Jeder hält den Fokus auf seine 50%+, die er zu jeder Situation beiträgt, und bleibt in der Dankbarkeit dafür, dass der andere überhaupt seine Zeit für die gemeinsame Beziehung investiert
6. Jeder ist so, wie er ist: ist jemand z.B. meist unpünktlich, wird ein Weg gewählt, mit der Unpünktlichkeit ohne Vorwurf umzugehen, statt den anderen zur Veränderung zu zwingen – was auch heißen kann, dass derjenige nicht in Aktivitäten eingeplant wird, mit dieser Konsequenz muss derjenige dann eigenverantwortlich leben
7. Bei Bedarf Reflexion des zurückliegenden Verlaufs, um Abläufe zu verbessern und die Bedürfnisse aller Beteiligten noch besser individuell zu erfüllen
8. Bedürfnisverständnis: offene Gespräche darüber, was der andere wirklich braucht, um sich wertgeschätzt, gesehen, geliebt, sicher und unterstützt zu fühlen. Dazu muss man manchmal vergangene Situationen analysieren und das tiefere Muster erkennen, um echte Klarheit zu erhalten. Solange es an der situativen Oberfläche bleibt, worum es geht, wiederholt sich der Konflikt. Wichtig ist dabei, zu unterscheiden: kann derjenige wirklich das Bedürfnis des anderen erfüllen oder handelt es sich hierbei eigentlich um einen Mangel aus der Kindheit, der nur in sich selbst gelöst werden kann und daher in der Beziehung wie ein Fass ohne Boden ist?
11. Raus aus Selbstüberwachung, Hypermentalizing und Self-Silencing
Wenn der Fokus stärker auf dem ständigen Kontrollieren der eigenen Wirkung auf andere liegt als auf dem fröhlichen, freien Sein, spricht man von Selbstüberwachung (Self-Monitoring).
Dabei achtet eine Person permanent darauf:
•wie sie wirkt
•wie andere reagieren
•ob sie Erwartungen erfüllt
In neueren psychologischen Modellen taucht auch der Begriff Hypermentalizing auf. Er beschreibt das übermäßige Interpretieren dessen, was andere denken oder fühlen könnten.
Im Kern geht es darum, dass das eigene Verhalten permanent auf seine Wirkung im Außen kontrolliert wird und die Person somit versucht, etwas zu kontrollieren, das unkontrollierbar ist, wodurch ein nicht endender Loop entsteht. Dies führt zu einer Dissoziation vom eigenen Empfinden, weil die äußere Reaktion zur höchsten Priorität erklärt wird, wodurch die eigenen Bedürfnisse und Körpersignale ignoriert und übergangen werden. Das Stresslevel erhöht sich, je mehr Personen anwesend sind und je unterschiedlichere, unklarere, konträrere oder höhere Erwartungen gestellt werden. Betroffene Menschen brauchen Rückzug, um die daraus resultierende mentale Überlastung wieder runterzufahren. Zwanghafte Selbstüberwachung und Hypermentalizing entstehen vor allem durch ein emotional aufgeladenes Umfeld, das von Sätzen geprägt ist, wie: „Das macht man nicht. Was sollen denn die Leute von dir/uns denken? Lass das! Dann wird xy böse.“ sowie durch permanentes negatives Kommentieren und soziale Erlebnisse, in denen insbesondere versehentliche Fehler mit verletzendem Spott, Ablehnung, Wut oder Ausschluss beantwortet wurden. Daraus wird geschlussfolgert: „Ich muss möglichst alles von mir kontrollieren, um nie wieder Opfer zu werden.“ Meist müssen Betroffene komplett neu lernen, sich selbst wahrzunehmen, weil sie ihr eigenes Empfinden so extrem abtrainiert haben, um alle Hirnkapazität für das Scannen ihres Umfeldes auf Anzeichen für Kritik und die möglichst perfekte Selbstkontrolle freizuhalten. Ihr Selbstwert hängt davon ab, Erwartungen perfekt zu erfüllen, deshalb wird Kritik als lebensbedrohliches Versagen empfunden und Hypervigilanz als notwendiger Schutzmechanismus aktiviert.
Self-Silencing ist eines der gängigsten Vermeidungsstrategien, bei der eine Person die eigenen Bedürfnisse, Gefühle oder Meinungen zurückhält, um fremde Erwartungen bestmöglich zu erfüllen, Konflikte zu vermeiden und Beziehungen nicht zu gefährden. Mitunter löscht oder verzerrt das Gehirn dafür Erinnerungen, wenn die Wahrheit Gefahr läuft, zu Konflikten zu führen.
Der Weg zur inneren Freiheit:
Alle hier beschriebenen Punkte führen unbewusst zu und verstärken Hypervigilanz und lösen daraus resultierend alle mannigfaltigen körperlichen und psychischen Stressreaktionen und -symptome sowie Langzeiterkrankungen aus. Werden diese Punkte berücksichtigt, kommt das Nervensystem des Betroffenen endlich nachhaltig zur Ruhe und die Person hat wieder Zugriff auf ihre höchste Leistungsfähigkeit, Freude und Beziehung mit Menschen.
In Liebe, Leonie