5. August 2026

Ich bin Informatikerin, natürlich weiß ich, was mit diesen Bildern geschieht, war jahrelang ein Verfechter dagegen und habe mir dazu viele Gedanken gemacht. Man kann das Spiel soweit treiben, auch in geschlossenen WhatsApp-Gruppen oder per Mail keine Bilder zu verschicken. Wenn du nicht in der Öffentlichkeit stehst, dann ist das eine gute Wahl. Mach das. Teile nirgendwo Bilder.
Ich glaube jedoch, dass es unser Bestreben sein sollte, resilient zu werden, statt Konstrukte zu fordern, die uns vor Kontrollverlust und Angriffen schützen sollen, während sie dafür gleichzeitig vorbeugende Freiheitseinschränkung erzwingen. „So ein Bild könnte doch später gegen das Kind verwendet werden. Du verletzt seine Persönlichkeitsrechte.“ – Aber was, wenn dieses Kind sich nicht dafür schämt, sondern einfach drüber lacht? Was, wenn unsere Kinder einen so inflationären, entspannten und selbstironischen Umgang mit persönlichen Einblicken in ihr Leben haben, dass es sie überhaupt nicht juckt, was sie Peinliches mit 3 oder 6 oder 17 gemacht haben und medial festgehalten wurde?
Die Zukunftspanik hörst du von Menschen, die in obrigkeitshörigen Systemen aufwuchsen und zurecht panische Angst vor Image-, Gesichts- & Kontrollverlust haben, weil dies in ihrer Realität ihren Job, ihre Einnahmequelle, ihr soziales Umfeld und ihre emotionale Stabilität kostet. Davor wollen sie Kinder schützen. Das ist verständlich – aber sie stülpen damit zugleich ihr freiheitsraubendes Systemkonstrukt auf freiheitsliebende, wertfreie Kinder, die die Zukunft nach ihren Wünschen gestalten können.
Ich frage nicht, ob Kinder heute resilient sind, sondern was das erstrebenswerte gesellschaftliche Ziel ist, denn nur dann fokussieren wir uns heute auf sinnvolle Diskussionen. Natürlich können wir über Altersbeschränkungen und App-Verbote diskutieren, aber sie haben alle keinen Effekt, außer der Beruhigung der Erwachsenen, während die Kinder neue Wege finden, um zu tun und zu nutzen, was sie lustig finden. Es ist eine Entartung der Digitalisierung, dass Erwachsene es sich zum Lebensziel gemacht haben, Kinder einzuschränken und zu bevormunden, während sie selbst noch weitestgehend frei aufwuchsen und es wie die Pest hassten, wenn sich Erwachsene einmischten, was sie nun aber zu ihrer Berufung erklären und dank Technik im Schlaraffenland der kindlichen Überwachung ausleben können.
Ich stelle noch eine Frage:
Wie soll der Anblick eines schreienden, schlafenden, stillenden, kuschelnden, Quatsch machenden, nackten Kindes Normalität werden, wenn wir es öffentlich panisch verstecken?
Um stillende Mütter zu normalisieren, müssen wir stillende Mütter sehen. Um Hausgeburten zu normalisieren, müssen wir Hausgeburten sehen. Um das respektvolle, vom Kind eingeforderte Kuscheln zu normalisieren, müssen wir kuschelnde Kinder sehen. Um Nacktheit zu normalisieren, müssen wir nackte Menschen sehen. Um Homosexualität zu normalisieren, müssen wir Homosexuelle sehen. Gewalt entsteht da, wo ein Tabu aufgebaut wurde und der Mensch gegen seine Natürlichkeit ankämpfen muss, um in die Gesellschaft zu passen, während seine natürlichen Bedürfnisse nach etwas anderem verlangen.
Der Witz ist doch: überall sehen wir Kriegsbilder, aber ein lachendes Kind zu zeigen, holt die Moralapostel aus ihren Löchern.
Jeder darf das selber entscheiden. Aber nicht aus Panik, denn wenn ich Jugendliche heute beobachte, sehe ich ganz klar, dass sie nicht unsere verkrampften Ängste teilen und damit viel entspannter umgehen. Und deshalb wehre ich mich auch ganz massiv gegen diese Panikmache und folge meinem Wunsch: dass wir stärkend und liebevoll mit Kindern umgehen – und dafür zeige ich, wie das aussieht, damit wir den Unterschied zwischen Übergriffigkeit und emotionaler Bindung erkennen.
Ich handhabe das ganz simpel: mach‘s einfach, wie du es für dich als richtig empfindest, und ich find‘s cool so, wie du es machst. Ich feiere deinen Weg, weil ich’s geil finde, wenn du dir Gedanken machst und eine Entscheidung triffst. Du brauchst weder von mir noch einer Studie die Erlaubnis dazu und ich find dich genial, auch wenn du es anders machst als ich. Fertig. Ich sehe keinen Grund für Diskussionen. Mach‘s einfach und lass uns beide glücklich sein in voller Verantwortung aller Konsequenzen. Wenn sich also meine Kinder bei mir beschweren sollten, dann ist das mein Problem, nicht deins. Und ich löse das dann eigenständig.
2004 wurde ohne Einwilligung das Sex-Tape von Paris Hilton (19 Jahre alt) als Racheakt ihres Ex-Freundes veröffentlicht. Es stürzte sie in das tiefste Loch ihres Lebens, zerstörte ihre Karriere, beschämte ihre Familie (die Hilton-Dynastie) und machte sie zugleich weltberühmt und unternehmerisch erfolgreich mit heute 26 Millionen+ Followern und eigenem Imperium. Wenn wir über Bilder von Kindern sprechen, ist der pornografische Missbrauch die größte Sorge. Spätestens seit KI muss mit dieser Gefahr aber jede in der Öffentlichkeit stehende Person klarkommen. Und selbst wenn eine Schauspielerin bloß in der InTouch abgelichtet wird, wird es Männer geben, die das Bild anders verwenden.
Paris Ex-Freund musste 400.000 Dollar Schadenersatz und eine Beteiligung an den Einnahmen des Videos zahlen, aber der wahre Gewinn für Paris war es, über ihre eigene Scham hinauszuwachsen, damit Frieden zu finden und es selbstironisch als ihre Stärke zu nutzen. So ist sie heute eine unfassbar erfolgreiche Unternehmerin und Mutter.
2010 wurde kurz nach dem 18. Geburtstag ein Video mit einer Bong von Miley Cyrus veröffentlicht, woraufhin die Medien einen Shitstorm über ihr ausließen, da der Vorfall ihr sauberes Disney „Hannah Montana“-Image zerstörte. Ihre Eltern distanzierten sich öffentlich von ihr und sie verlor Werbeaufträge. Doch statt im Erdboden zu verschwinden, machte sie es zu ihrer Stärke und setzte noch einen drauf: 2013 veröffentlichte sie das Nackt-Video auf einer Abrissbirne für ihren neuen Song. Heute lässt sie gern Anspielungen auf das mediale Drama von damals fallen und findet es sehr lustig.
Was wäre, wenn wir Kindern diesen Umgang beibrächten? Denn ich befürchte, auch gute Software, die Fake von Nicht-Fake unterscheiden kann, löst nicht das eigentliche Problem: die Angst vor Kontrollverlust und persönlichem Schaden. Die technischen Wege lassen sich nicht einfangen – aber wir können einen resilienten Umgang damit finden und die folgenden Generationen wachsen ohnehin damit auf, dass jedes Bild und Video potenziell Fake und somit keine Aufregung wert ist.
In Liebe, Leonie
PS: Wie immer ist hiermit niemand persönlich gemeint. Wie immer greife ich bloß ein Thema auf, wenn ich es von verschiedenen Menschen regelmäßig höre und für relevant halte. Ich hab euch alle lieb. Und ja, ich diskutiere das nicht mit Einzelpersonen, weil es für mich vollkommen in Ordnung ist, dass jeder dazu eine individuelle Meinung und einen individuellen Umgang hat, und ich meinen Weg niemandem aufzwinge oder rechtfertige. Aber wen meine Gedanken dahinter interessieren, der kann dies nun erfreut lesen. Ich werde mit niemandem dazu in die Diskussion gehen, das liegt mir einfach nicht. Ich lese aber gerne andere Gedanken dazu.
PPS: Dies ist keine Rechtfertigung für Deepfakes – die Frage ist nur: lässt es sich wirklich hinsichtlich der Geschwindigkeit der technischen Entwicklung verhindern? Und wie hoch ist der Preis der Freiheitsberaubung, den wir bereit sind, zur Verhinderung zu zahlen? Ich halte es für nachhaltiger und zielgerichteter, die potenziellen Betroffenen unabhängig zu stärken und den potenziellen Akteuren langfristig die Notwendigkeit dieser Kompensation zu entziehen, indem wir eine Gesellschaft entwickeln, in der niemand in Fantasiewelten abdriften muss, weil wir verständnisvollen persönlichen Kontakt ohne Abwertung und verletzende Zurückweisung leben können.